Betriebscoaching: Praxiswissen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft

Das Betriebscoaching-Projekt hat zum Ziel, bäuerliches Wissen weiterzugeben. Angesichts klimatischer und wirtschaftlicher Herausforderungen suchen gut ausgebildete Landwirtinnen und Landwirte nach neuen Antworten bei Gleichgesinnten, die bestimmte Praktiken bereits erprobt haben. Der Austausch direkt vor Ort gibt einer zukunftsorientierten Landwirtschaft neuen Schwung.

Betriebscoaching Landwirtschaft: Landwirt Bruno Stadelmann im Austausch mit Coach Pirmin Adler
Bruno Stadelmann fand es bereichernd, den Coach vor Ort zu haben und Fragen im Feld klären zu können.

An diesem Februarmorgen fegt ein kalter Wind über den Bergrücken. Unterhalb erstreckt sich die Weiherlandschaft Ostergau mit ihrer bemerkenswerten Tier- und Pflanzenwelt. Bruno Stadelmann führt Pirmin Adler über seinen Betrieb im Kanton Luzern. Er spricht über seine Überlegungen und Ideen zur Weiterentwicklung seines Hofs. Bevor sie sich ins Warme zurückziehen, um das Gespräch fortzusetzen, betont Pirmin: «Die zentrale Frage ist, was du auf deinem Betrieb wirklich gerne machst. Du kannst nicht alles machen, sondern musst dir überlegen, was dir wirklich Freude bereitet.» Von Berufskolleginnen und Berufskollegen lernen – ein Ansatz voller gesundem Menschenverstand.

Praktischer Austausch statt Theorie: Das Projekt „vo Büürin zu Buur“

Am Anfang des Betriebscoaching-Projekts stehen Marlen Koch und ihr Mann Stephan mit ihrem Pionierbetrieb auf der Obermettlen (LU), Mitglieder im Höfenetzwerk. Da sie immer wieder gebeten wurden, ihren Werdegang zu schildern, suchten sie nach einem Weg, dieser Nachfrage nach Erfahrungsaustausch gerecht zu werden und direkte Begegnungen zwischen Betrieben zu fördern. Der Verein Agroecology works!, unterstützt von Partnerorganisationen wie der Kleinbauern-Vereinigung, lancierte daraufhin das Projekt «vo Büürin zu Buur». Die Coaches werden für ihre Arbeit entschädigt, wodurch der Wert bäuerlichen Wissens anerkannt wird. Aktuell stehen in der ganzen Schweiz 21 Coaches zur Verfügung, zehn davon aus unserem Höfenetzwerk. Jede und jeder verfügt über spezifisches Fachwissen, etwa zu schonender Bodenbearbeitung, zu Vermarktungsstrategien oder zur Reduktion externer Betriebsmittel. In individuellen Gesprächen geben erfahrene Landwirtinnen und Landwirte ihre Erfahrungen und Expertise weiter. Die ratsuchende Person steht mit ihren Alltagsfragen nicht mehr alleine da.

Pirmin Adlers ganzheitlicher Ansatz

Pirmin Adler leitet den Betrieb Adlerzart, ein 32 Hektar grosses Agroforstsystem in Oberrüti (AG). Er hält Mutterkühe und Zweinutzungshühner, ergänzt durch Mischkulturen sowie zahlreiche Bäume und Sträucher und ist ebenfalls Mitglied im Höfenetzwerk. Seit er seinen Beruf ausübt, haben sich Pirmins Praktiken weiterentwickelt. Während seiner Ausbildung standen Spezialisierung, Effizienz und hohe Erträge im Vordergrund. Doch er erkannte, dass Vielfalt unverzichtbar ist und die Resilienz fördert. Heute strebt er mehr Autonomie an, indem er Stoffkreisläufe schliesst und Ökosystemleistungen nutzt – also von der Natur erbrachte Leistungen mit hohem ökologischem, wirtschaftlichem und sozialem Wert. Dazu setzt er auf produktive Gehölzpflanzungen, die Kohlenstoff im Boden binden und lokal das Klima kühlen. Die Knospen, Blätter und Zweige dieser Futterhecken dienen den Tieren zudem als Nahrung und als eine Art «Selbstbedienungsapotheke». Für diesen innovativen Ansatz erhielt er 2025 den Prix Climat.

Zum Sprung ins Ungewisse ermutigen

Als Coach beschränkt sich Pirmin nicht darauf, den Einsatz vom Laub im Futter zu empfehlen, sondern vermittelt ein ganzheitliches Verständnis ihrer Wirkung im System. «Agroforstsysteme lassen sich an sehr unterschiedliche Betriebe anpassen. Man kann Schwerpunkte beim Tierwohl, beim Klima, bei der Bodenverbesserung oder bei der Landschaftsgestaltung setzen», erklärt er begeistert. Die Coaching-Tätigkeit bringt Abwechslung in seinen Alltag. Der Austausch mit anderen Betrieben ist bereichernd und regt ihn an, auch seinen eigenen Betrieb neu zu hinterfragen. «Die Abhängigkeit vom bestehenden System ist zweifellos eine Herausforderung. Der Übergang zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft ist ein echter Sprung ins Unbekannte. Viele gehen deshalb vorsichtig vor und machen zunächst kleine Schritte.» Das kann er gut nachvollziehen.

Diversifizieren, ohne den Kurs zu verlieren

Bruno Stadelmann bewirtschaftet 12 Hektaren hügeliges Land mit Mutterkühen und Legehennen. Er möchte sich diversifizieren, was einen hohen Ressourcenaufwand erfordert und mit Unsicherheiten verbunden ist. Er überlegt, wie sich aus dem Grünland mehr Wertschöpfung erzielen lässt, und interessiert sich für Futterhecken: Wie lassen sie sich in den Betriebsalltag integrieren? Welche Vorteile bringen sie für die Tiergesundheit und Biodiversität? Bruno verfügte bereits über gewisse Vorkenntnisse, und der Austausch am Morgen hat nicht alles auf den Kopf gestellt. Er findet, «Pirmin hätte ruhig noch weitergehen können, um neue Ideen anzustossen und zum Nachdenken anzuregen». Coach zu sein und die richtigen Fragen zu stellen, ist eine eigene Kompetenz. Dennoch haben Pirmins Inputs einige von Brunos Intuitionen bestätigt. Er will nun den Schritt wagen und Futterhecken anpflanzen. «Für solche Massnahmen braucht es einen anderen Blick als den, den wir in der landwirtschaftlichen Ausbildung gelernt haben», sagt Bruno. «Man ist fast gezwungen, neue Wege zu suchen, um weiterzumachen. Es gibt viele spannende Ansätze wie regenerative Landwirtschaft, die mich interessieren. Die Herausforderung besteht darin, diese auch wirtschaftlich tragfähig umzusetzen.»

Als Pionier des Keyline-Designs in der Schweiz hat sich Markus Schwegler intensiv mit Wasserkreisläufen auseinandergesetzt und Urs Burri-Kunz bei der Umsetzung auf dessen Hof begleitet.
Als Pionier des Keyline-Designs in der Schweiz hat sich Markus Schwegler intensiv mit Wasserkreisläufen auseinandergesetzt und Urs Burri-Kunz bei der Umsetzung auf dessen Hof begleitet. Bild: Thomas Alfödli

Praktische Lösungen aus der Praxis: Slow Water und mehr

Der Betrieb von Urs und Anita Burri-Kunz in den Bergzonen I und II in Hofstatt (LU) nimmt am Ressourcenprojekt «Slow Water» des Bundesamts für Landwirtschaft teil, dessen Ziel es ist, das System zur Wasserrückhaltung zu verbessern – ein Ansatz, der noch wenig verbreitet ist. Urs hatte bereits einen Experten beigezogen, der Pläne zeichnete, ein Konzept erarbeitete und jede Arbeitsminute verrechnete. Danach entschied er sich, ein Coaching mit seinem Berufskollegen Markus Schwegler vom NaturGut Katzhof (Höfenetzwerk) durchzuführen, um die konkrete Umsetzung direkt vor Ort zu besprechen. Mit seinen eigenen Erfahrungen und den Schwierigkeiten, auf die er selbst gestossen war, konnte Markus pragmatisch beraten, was zu tun oder zu lassen sei, was funktioniert hat und was nicht. Urs empfindet den Pauschalpreis des Coachings als sehr fair im Verhältnis zum Nutzen – Ein Coaching kostet für die gecoachte Person CHF 250 für 4 h bzw. CHF 100 für 2 h. Die Beträge werden durch das Projekt ergänzt, so dass eine faire Entlöhnung für die Coaches resultiert. Zudem konnte sich Markus in die praktischen Details vertieften und kostengünstige und pragmatische Lösungen vorschlagen – im Gegensatz zum Experten.

Warum Betriebscoaching die Landwirtschaft von morgen prägt

Viele Lösungen für aktuelle Herausforderungen entstehen in der Landwirtschaft direkt auf dem Feld – aus der Praxis für die Praxis. Das Projekt schafft dafür einen Rahmen und Sichtbarkeit. Das Betriebscoaching baut Brücken, lässt Wissen «vo Büürin zu Buur» zirkulieren und stärkt Vertrauen. Urs Burri sagt dazu: «Man sollte diese Coachings viel stärker nutzen und fördern. Manche Bäuerinnen und Bauern haben über Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt und geben ihr Wissen kostenlos weiter, obwohl es von unschätzbarem Wert ist.»

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 2/2026. Autorin: Anne Berger

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