Praktische Bildungsarbeit: Hecken retten in Hamburg

Wildhecken und Grossstadt – Keine Kombination, die auf der Hand liegt. Trotzdem sind Hecken in Hamburg und Umgebung dank den Heckenrettern ein Thema. Der Verein wertet nicht nur Äcker auf, sondern bringt ziviles Engagement von der Stadt aufs Land und die Bedeutung von Hecken ins gesellschaftliche Bewusstsein. Ein Porträt aus dem Norden Deutschlands.

1008 Freiwillige aus Hamburg und Umgebung haben seit der Gründung der Heckenretter an Pflanzaktionen mitgemacht. Das Ziel: Gemeinsam etwas Sinnvolles schaffen und die Förderung einer kleinstrukturierten Agrarlandschaft mit verschiedenen Lebensräumen.
1008 Freiwillige aus Hamburg und Umgebung haben seit der Gründung der Heckenretter an Pflanzaktionen mitgemacht. Foto: Heckenretter

Es ist ein schöner Nachmittag im April, als meine Tochter und ich Lucy Bohling in Hamburg treffen. Wir kennen uns von der Alp. Lucy war im Sommer 2016 als Hilfssennin bei uns angestellt. Inzwischen hat sie ihr Studium in ökologischen Agrarwissenschaften abgeschlossen und ist als Projektleiterin bei den Heckenrettern e. V. in Hamburg tätig. Die Fahrt mit dem öffentlichen Verkehr vom Hafen durch die Hansestadt bildet einen Kontrast zu dem, was uns erwartet: ein Nachmittag rund um Hecken, Artenvielfalt und Klimaschutz. Wir treffen uns im Biodiversitätspark Bornkamp in Hamburg-Altona. Auf einem Teil des aus der Nutzung genommenen Friedhofs entstehen erlebbare Naturräume und Biodiversitätsinseln. Mit einer «Bastelhecke» sind ebenfalls die Heckenretter vertreten – und schlagen nun also auch in der Stadt Wurzeln. Doch alles der Reihe nach.

Wer hat sich denn das ausgeheckt?

Hecken sind ein traditionelles Landschaftselement Norddeutschlands – insbesondere die für die Gegend Schleswig-Holstein typischen Wallhecken, im Plattdeutschen Knicks genannt. Sie bestehen aus dicht wachsenden Sträuchern und Bäumen, die auf einem Erdwall stehen, und wurden früher zur Abgrenzung von Feldern angelegt. Gleichzeitig schützten sie vor Wind und Bodenerosion. Im 20. Jahrhundert verschwand die kleinteilige Agrarlandschaft Norddeutschlands und mit ihr die Hecken weitgehend. Flurbereinigungen, Intensivierung und der Einsatz immer grösserer Maschinen setzten ihnen zu. Heute werden Hecken als ökologisch wertvolles, vernetzendes Landschaftselement und vielfältiger Lebensraum wieder geschätzt. Sie sind Lebensraum für viele Tiere, binden Kohlenstoff und verbessern die Verfügbarkeit von Wasser sowie die Qualität des Bodens.

Wildhecken in die Agrarlandschaft zurückzubringen ist das Ziel des gemeinnützigen Vereins Heckenretter mit Sitz in Hamburg. Gegründet wurde er 2020 von Alexandra Werdes. Der Einbezug von Freiwilligen und die praktische Naturschutzarbeit sind seit Beginn Teil des Konzeptes. So kam auch Lucy zu den Hecken: «Ich war 2022 als Freiwillige an meiner ersten Pflanzaktion dabei und gleich berührt vom Miteinander, der Herzlichkeit und Professionalität der Heckenretter.» Heute ist Lucy Teil des vierköpfigen, in Teilzeitpensen festangestellten Kernteams, das von derzeit 26 Vereinsmitgliedern unterstützt wird. Die Mitgliedschaft im soziokratisch organisierten Verein ist an eine aktive Mitarbeit gebunden. Die Heckenretter finanzieren sich über Spenden und Stiftungen, dazu kommen Einnahmen aus Corporate Events. Sachspenden wie das Heckenretter-Mobil, finanziert aus einem Lotteriefonds, erleichtern die Arbeit ebenfalls.

Wie die Hecken auf den Acker kommen

Die Idee der Heckenretter ist simpel: Sie werben Flächen bei Landwirten an und pflanzen darauf Wildhecken, die sie naturschutzgerecht pflegen. Die Pflanzdesigns für die Hecken schneidern sie auf den Standort und die individuellen Bedürfnisse der Höfe zu. Pflanzzeit ist im Oktober/November und März/April, dazwischen und im Sommer finden Schnitt- und Pflegeaktionen statt. «15 unserer aktuell 20 Standorte befinden sich auf Höfen. Wir haben das Glück, dass es immer mehr Landwirte gibt, die uns wohlgesonnen sind. Die haben Lust drauf, eine Hecke zu haben – im Bewusstsein, dass sie das Land damit aus der Bewirtschaftung nehmen», erklärt Lucy. Hecken sind gemäss Bundesnaturschutzgesetz nach sechs Jahren geschützte Elemente. Holz- und Fruchtnutzung sind dann nur noch eingeschränkt möglich. Allerdings fehlt die Erfahrung dort noch, da die zuerst gepflanzten Hecken erst jetzt in diese Phase kommen.

Hecken hat der Verein bisher in den Bundesländern Schleswig- Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern gepflanzt. Vermittelt werden die Höfe über persönliche Empfehlungen. Ein Erfolgsfaktor ist wohl, dass die Heckenretter zur Idee auch die Finanzierung mitbringen. Dass ihnen manchmal zunächst Flächen angeboten werden, die nur bedingt für eine Bepflanzung geeignet sind, nehmen die Heckenretterinnen und Heckenretter mit Humor, haben jedoch eine klare Haltung: «Wir wollen kleinstrukturierte Landwirtschaft mit verschiedenen Lebensräumen fördern. Hecken sollen als wichtige Verbindungselemente und Trittsteine zu Wäldern und zwischen Biotopen fungieren», erklärt Lucy. Meist sind die Landwirte jedoch unterstützend: Sie helfen beim Zaunbau und stellen Geräte, Maschinen und Mulchmaterial zur Verfügung – sowie, wenn möglich, Gemüse fürs Mittagessen.

Das Ziel von Heckenretter: Gemeinsam etwas Sinnvolles schaffen und die Förderung einer kleinstrukturierten Agrarlandschaft mit verschiedenen Lebensräumen.
Das Ziel von Heckenretter: Gemeinsam etwas Sinnvolles schaffen und die Förderung einer kleinstrukturierten Agrarlandschaft mit verschiedenen Lebensräumen. Foto: Heckenretter

Begegnungen zwischen Stadt und Land

Das gemeinsame Kochen vor Ort ist ein zentraler Teil von Pflanztagen. «Wir wollen dazu beitragen, Stadt und Land wieder zusammenzubringen. Viele haben heute nur noch wenige Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Sich beim Mittagessen auszutauschen, schafft gegenseitiges Verständnis. Gleichzeitig sind die Pflanztage eine Wertschätzung für die Landwirte, denn die Leute sind freiwillig da und spenden ihre Zeit.» Da es oft nicht bei einer Hecke bleibe und auch die Heckenpflege sie zurück auf die Betriebe führe, entstehe eine Verbundenheit – zu den Höfen, aber auch den Hecken selbst, erzählt Lucy weiter. Dieses «Zurückkehren » – wenn möglich mit denselben Freiwilligen – ist zentral: «Uns ist wichtig zu zeigen, dass es mit der gepflanzten Hecke nicht getan ist. Es braucht auch Pflege. Und Zeit. Bis zur ersten Ernte ist Geduld gefragt.»

Besonders am Herzen liegt Lucy die Arbeit mit Kindern. «Wir hatten bisher drei Aktionen mit Grundschulen. Das ist nochmal eine völlig neue Ebene, auf der du interagierst», erzählt sie. Die Aktionstage bei den Landwirtinnen sind inzwischen eingespielt, Erwachsene sind nach einer kurzer Einführung meist handlungsfähig. Kinder und Jugendliche hingegen bringen eine neue Dynamik und Form von Selbstwirksamkeit in einen Pflanztag, aber auch viel Freude und Herzlichkeit. «Du weisst nie, wie es läuft», sagt Lucy. «Mal pflanzt du 20 Sträucher, mal 6. Kürzlich hatte ich eine Pflanzaktion mit einer Schule ausserhalb von Hamburg. Die Kinder konnten Pflanzen auswählen, zu denen sie dann Plakate gebastelt haben. Sie waren total in ihrem Element und haben ihren Sträuchern sogar Namen gegeben. Zu sehen, wie sie sich engagieren und sie auch mal einfach machen lassen, ist schon toll.»

Hecken pflanzen, um Früchte zu ernten

Freiwilligenaktionen sind schön, aber aufwändig. «Viel Zeit und Geld geht in die Vorbereitung. Keine Pflanzaktion gleicht der anderen. Eine professionelle Organisation, Anleitungen und Routinen sind für den Erfolg jedoch entscheidend.» Zusammen mit ihrer Kollegin verantwortet Lucy als Projektleiterin die Logistik und das Design für die Pflanztage. Um als kleines Team handlungsfähig zu bleiben, befähigen sie bei jährlichen Schulungen sogenannte «Pflanzteamer», Pflanzungen anzuleiten. Denn die Leute warten auf Aktionen! Viele Freiwillige sind mehrmals an Pflanztagen dabei. «Die Menschen wollen Selbstwirksamkeit erfahren, sich die Hände schmutzig machen und Spass haben», erzählt Lucy von den Rückmeldungen, die sie erhält. Nicht als Ausgleich zum Stadtleben, sondern um etwas Sinnvolles zu tun. Was die Heckenretter zusammen mit 1008 Freiwilligen seit 2020 erreicht haben, ist beeindruckend: 7764 Meter Wildhecken sind entstanden, 8578 Sträucher haben sie gepflanzt oder finanziert. Sie haben den ersten Heckenkongress organisiert, ein Heckenplaner- Tool für Privatgärten am Start und träumen von einem Ort für Experimentierflächen, Schulungen und eine kleine Baumschule zur Stecklingsvermehrung. Zudem wollen sie ihre Vision einer Wertschöpfung aus der Hecke weiterverfolgen: Mit Produkten aus Heckenfrüchten, Energieholz aus der traditionellen Knickpflege oder Biokohle zum Humusaufbau sollen nachhaltige und wirtschaftlich nutzbare Kreisläufe entstehen.

Hecken erobern die Stadt: Lucy Bohling vor der neu gepflanzten «Bastelhecke» im Biodiversitätspark Bornkamp in Hamburg.
Hecken erobern die Stadt: Lucy Bohling vor der neu gepflanzten «Bastelhecke» im Biodiversitätspark Bornkamp in Hamburg. Foto: Anouk Raemy

Die Hecken erobern die Stadt

Im Biodiversitätspark Bornkamp mitten in Hamburg-Altona stehen die kürzlich gepflanzten Sträucher noch ganz am Anfang ihres Heckenlebens. Haselnuss, Besenginster, Schwarzer Holunder, Hartriegel und Pfaffenhütchen mit ihren diversen Eigenschaften sollen zu einer «Bastelhecke» heranwachsen. Verbunden mit einem Lernpfad zur historischen Verwendung des Heckenholzes und was man heute daraus machen kann, soll ein Ort zum Verweilen und für Kreativität entstehen. Die Anfragen aus der Stadt hätten mit dem Erfolg zugenommen, erzählt Lucy. «Das ist schön, aber auch herausfordernd. Wir wollen uns treu bleiben und weiterhin die Agrarlandschaft pflegen. Gleichzeitig verschaffen uns diese Projekte Sichtbarkeit.» So haben die Heckenretter Mitte Mai am Asphaltsprenger-Festival in Hamburg live eine Hecke gepflanzt. Hecken passen gut in die Stadt, denke ich, als ich an diesem Apriltag mitten in Hamburg Lucy zuhöre. Sie stimmt mir zu: «Mit Hecken kannst du auf kleinster Fläche viel erreichen und neue Räume schaffen.» – Für Tiere wie Vögel, Schmetterlinge und Igel, aber auch für die Menschen.

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 2/2026. Autorin: Annemarie Raemy

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