Tiere für eine standortangepasst Landwirtschaft

Im Hügel- und Bergland Schweiz sind Tiere nach wie vor Teil einer bäuerlichen Agrikultur. Allerdings sind viele Rassen inzwischen so hochgezüchtet und spezialisiert, dass sie sich nicht mehr natürlich ins System einfügen, sondern dieses immer mehr bestimmen. Wie geht standortangepasste Tierhaltung? Wir haben bei einer Forscherin und einem Bauern nachgefragt.

 

 

Entstehung standortangepasster Tierrassen

Vor rund 12’000 Jahren begann der Mensch, Wildtierarten zu domestizieren. Mit der Sesshaftigkeit wurden Tiere zu festen Begleitern bäuerlicher Arbeit. Sie lieferten Wolle, Milch und Fleisch und dienten als Zug- und Arbeitstiere. Ausgewählt und weitergezüchtet wurden robuste Tiere, angepasst an Klima, Umweltbedingungen und Futtervorkommen. So entstanden die traditionellen und lokal diversen Rassen.

Nutztierhaltung für maximale Effizienz

Die Ausrichtung der Nutztierhaltung auf maximale Effizienz entwickelte sich im 19. Jahrhundert, als systematische Zuchtprogramme und damit erste, ausschliesslich auf Milch, Fleisch oder Eier ausgerichtete Rassen entstanden. Neue Futtermittel, Stalltechnik und globaler Handel trieben die Spezialisierung voran. Die Tiere wurden zu einem Bestandteil einer industrialisierten, intensiven Landwirtschaft.

Zahlen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zeigen, dass heute weltweit zwar über 8’800 Nutztierrassen existieren, doch nur eine Handvoll Rassen pro Tierart liefert den Grossteil der tierischen Produkte, die wir konsumieren. Das führt zu einer Konzentration der Produktion auf wenige Genpools.

War eine Rasse früher vor allem dann wertvoll, wenn sie zum bäuerlichen Alltag passte und genügsam, widerstands- und anpassungsfähig war, verlieren Hochleistungsrassen diese Eigenschaften zunehmend: Sie reagieren empfindlich auf äussere Umstände und verlangen an sie angepasste Futtermittel und Infrastruktur.

In einem vielfältigen Betrieb, wo Tiere auf und in unterschiedlichen Feldern und Stalltypen gehalten werden, leiden sie schnell unter Stress. Je mehr sich der Fokus auf hohe Mast- oder Milchleistungen richtet, desto weniger spielt die Anpassung an Standort, Betrieb und natürliche Ressourcen eine Rolle. Das führt langfristig zu höheren Kosten, stärkerer Umweltbelastung und geringerem betrieblichen Spielraum.

Kuhrassen für die Alpwirtschaft im Vergleich

Diese Erfahrung macht auch die Agrarökologin Caren Pauler von Agroscope. Sie forscht zu Weidesystemen im Berg- und Alpgebiet und untersucht auf der Forschungsalp Weissenstein am Albulapass, welcher Kuh-Typ für welche Standortbedingungen am besten geeignet ist. Verglichen werden intensive Holstein-Rinder mit einer durchschnittlichen Milchleistung von über 10’000 kg Milch pro Jahr, die Zweinutzungsrasse Original Braunvieh mit ca. 6’000 kg und die genügsamen Hinterwälder mit rund 3’000 kg.

Auch wenn noch nicht alle Daten ausgewertet sind, gibt es erste Erkenntnisse, so Caren: «Die Holsteinkühe waren auch auf der Alp die produktivste Rasse – auf Kosten der Reserven, die sie aus dem Tal mitgebracht haben. Sie hatten sichtlich Mühe mit dem Futterangebot auf den extensiven Weiden und der Topografie. Die Bewegungsprofile zeigen, dass sie ins schwierige, unattraktive Gelände überhaupt nicht gegangen sind. Holsteinkühe sind für steiles Gelände nicht standortangepasst.» Dort, wo sie sich aufhalten, fressen sie zudem sehr selektiv nur die nährstoffreichsten Gräser und Pflanzen.

Anders die genügsameren Rassen. «Die Hinterwälder haben die ganze Fläche erkundet und genutzt – dadurch werden die Weiden vor Verbuschung geschützt und artenreiche Lebensräume erhalten», fasst Caren die Ergebnisse zusammen. Ihnen macht also weder das Gelände noch das Nahrungsangebot Probleme – dies aber bei weniger Milchleistung. Das Original Braunvieh lag bei der Milchleistung wie auch bei der Raumnutzung in der Mitte.

«Die Entscheidung für die eine oder andere Rasse fällt meist nicht wegen der 90 Tage auf der Alp, sondern auf Grundlage des Talbetriebs », erklärt Caren. «Mittlerweile sind Holstein-Rinder die häufigste Rinderrasse der Schweiz. Wenn Tiere und Weiden nicht mehr zusammenpassen, hat das Konsequenzen. Milchkühe werden immer seltener gealpt, und selbst dann ist eine traditionelle Bewirtschaftung oft nicht mehr möglich. Hochintensive Rassen können nur noch auf den besten Sömmerungsweiden gehalten werden.» Aktuelle Zahlen zeigen zudem eine Verschiebung von Milchkühen zu Mutterkühen.

Standortangepasstheit global denken

Auf die Alp gehen auch die Wagyu-Rinder vom Birkenhof Urmein am Heinzenberg (GR). Ihren Ursprung findet diese Rasse auf den Reisfeldern der japanischen Bergbauern. Später begann man, ihre Fleischqualität gezielt zu züchten. Bei Martina und Markus Dönz sind sie seit 2018. «Bei der Umstellung auf Mutterkuhhaltung habe ich mir zum Ziel gesetzt, das bestmögliche Rindfleisch zu produzieren. Dann landet man zwangsläufig bei den Wagyu.

Auch eignen sie sich fürs Berggebiet. Die Wagyu-Rinder sind feingliedrig, nicht zu schwer und somit für die Alpwirtschaft geeignet. Während der Aufzucht fressen sie nur Gras, Heu und Silage, danach werden sie circa ein halbes Jahr bis zur Schlachtung mit Getreidemischung und Maiskolbenschrot zugefüttert, um die gewünschte Marmorierung des Fleischs zu erreichen» – Was durchaus nicht standortgerecht sei, räumt Markus ein. «Ich gehe diesen Kompromiss aber bewusst ein, da für mich am Schluss die Fleischqualität im Zentrum steht.»

Kompromisse bei nicht-Wiederkäuern

Noch grössere Kompromisse erfordert die Haltung von Tieren wie Schweinen, die nicht von Raufutter alleine leben können. Auf dem Birkenhof leben Schwarze Alpenschweine, eine ProSpecieRara- Rasse. «Sie sind von der Genetik sehr robust, kennen keinen Sonnenbrand und sind sehr geländegängig. Ihre Leistung liegt aber natürlich auf einem ganz anderen Niveau als die der heutigen Leistungsrassen », erklärt Markus, der sie fürs Fleisch hält.

Im Sommer sind die Schweine auf der Weide und fressen Gras und Wurzeln. Im Herbst und Winter erhalten sie Silage, die rund 30 % der Ration ausmacht. Dazu kommt Biertreber aus der Region sowie eine spezielle Futtermischung aus grösstenteils Abfallprodukten einer Mühle. Mais oder Soja verfüttert er nicht. «Eine akzeptable Feed-no-Food-Bilanz», findet Markus. Im Schweizer Durchschnitt erhalten Schweine nur knapp 12 % Raufutter (Agristat, 2023). Auch bei robusten Rassen kann die Fütterung also ein sensibler Faktor sein.

Verschiedene Wege führen zum Ziel

Für die Agrarökologin Caren Pauler ist zudem klar, dass es nicht die eine richtige Bewirtschaftung pro Standort gibt. «Je nach Fläche und Ziel der Bewirtschaftung können unterschiedliche Strategien und Tiere richtig sein. Ich kenne etliche Bauern und Bäuerinnen, die mehr als eine Rasse oder sogar mehr als eine Tierart im Stall haben.

Gewisse Betriebe haben für die besten Flächen eine produktive Milchrasse und für die Trockenstandorte Zebus. Oder zu den Kühen noch Ziegen für die Weidpflege. Standortangepasst ist es, solange Flächen nicht durch Unternutzung oder Übernutzung verloren gehen.» Sollen sich Tiere am Standort und in den Betrieb einfügen und nicht umgekehrt, braucht es eine sorgfältige Abwägung aller Faktoren.

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 1/2026. Autorin: Annemarie Raemy

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