Erhaltung von Kulturpflanzen und Tierrassen

Seit über 40 Jahren setzt sich die Stiftung ProSpecieRara mit unzähligen Projekten und einem grossen Freiwilligennetzwerk für die Erhaltung der Diversität von Kulturpflanzen und Tierrassen ein. Ein Gespräch mit drei Mitarbeitenden der Stiftung über die Wichtigkeit ihrer Arbeit, rechtliche Rahmenbedingungen und die Praxis der Erhaltungsarbeit.

 

 

Immer wieder argumentieren Befürworter einer industrialisierten Landwirtschaft, dass seltene Sorten und Rassen deshalb verschwinden, weil sie den heutigen Anforderungen nicht mehr genügen – etwa, weil die Kuh zu wenig Milch gibt oder die Tomate nicht transportfähig ist. Was sagt ihr dazu?

Maya Hiltpold (Verantwortliche Tiere): Bei unserer Erhaltungsarbeit geht es nicht um wirtschaftliche Faktoren, sondern um die Möglichkeit, dass zukünftige Generationen in der Züchtung auf gewisse Eigenschaften der Tiere zurückgreifen können. Wir wissen heute noch gar nicht, für was wir sie werden brauchen können. Nur schon das an sich hat einen Wert.

Simone Krüsi (Medienverantwortliche): Genau, bei den Pflanzen ist dies ähnlich, es geht um die Erhaltung eines möglichst grossen Genpools. Denn Fakt ist: Was verloren geht, ist für immer weg.

François Meienberg (Verantwortlicher Politik): Das ist übrigens auch im Sinne des «Nationalen Aktionsplans für die Vielfalt der Nutzpflanzen» (NAP-PGREL), der auf einem Plan der Vereinten Nationen beruht. Die Schweiz hat sich damit verpflichtet, die Vielfalt der genetischen Ressourcen der Nutzpflanzen zu bewahren.

Simone: Neben diesen Zukunftsgedanken spielen aber auch der Geschmack und das Aussehen eine wichtige Rolle, gerade beim Gemüse.

Stimmt! Bei den Tomaten merkt man den Unterschied besonders deutlich und schätzt entsprechend die Angebotsvielfalt.

Simone: Indem wir uns gezielt mit dem Geschmack beschäftigen, können wir Empfehlungen für die Gastronomie abgeben und prüfen, welcher Absatzkanal sich für welche Sorte eignet. Aber auch Toleranzen und Resistenzen sind eine wichtige zu erhaltende Eigenschaft. Wie relevant das ist, zeigt sich beispielsweise in einem Salatprojekt mit dem Biosaatgut-Betrieb Sativa Rheinau, bei dem sie dank einer von uns erhaltenen, gegen Mehltau resistenten Sorte eine neue Salatsorte züchten konnten. Landwirte vermarkten heute die von euch «geretteten» Sorten und Rassen.

Wie ist das rechtlich überhaupt möglich?

François: Die meisten unserer Sorten, insbesondere Ackerkulturen, dürften eigentlich nicht an kommerzielle Landwirtinnen verkauft werden, denn sie entsprechen nicht den Kriterien zur Sortenregistrierung (DUS-Kriterien), d.h. sie sind zu wenig stabil und homogen. In der Schweiz gibt es aber sogenannte Nischensorten, die nicht diesen Kriterien entsprechen müssen und die kommerziell verkauft werden dürfen. Bei den Acker- und Futterpflanzen legt das Bundesamt für Landwirtschaft jedoch eine Höchstmenge fest.

Das klingt gar nicht mal so schlecht.

François: Der Ist-Zustand in der Schweiz ist im Vergleich zum Ausland einigermassen fortschrittlich. Unsere Arbeit bleibt aber wichtig, denn im Moment drohen Rückschritte. Gerade die Patente machen uns grosse Sorgen, die – falls Gentechnik in der Schweiz zugelassen wird – noch viel umfassender werden.

Maya: Bei den Tieren hat sich die Situation mit der neuen Tierzuchtverordnung bereits verschlechtert. Vor deren Revision galt auch die Erhaltung der genetischen Vielfalt als Zuchtziel, ab diesem Jahr ist es nur noch die genetische Verbesserung. Für die Zuchtvereine sind damit die Grundanforderungen gestiegen und es ist komplexer geworden, finanzielle Unterstützung vom Bund zu erhalten.

Ihr setzt bei eurer Arbeit auf ein grosses Netzwerk: 4’400 Personen erhalten für euch rund 5’700 Pflanzensorten und 38 Tierrassen. Wie macht ihr das konkret?

Maya: Die Erhaltungszüchtung der Tiere wird von Zuchtvereinen und ihren Mitgliedern ausgeführt. Die Züchter sind sehr verschieden und reichen vom Hobbytierhalter bis zum Vollerwerbsbetrieb.

Simone: Sorten, deren Vermehrung besonders ist, vermehren wir in unserer eigenen Samengärtnerei. Grössere Obst- und Beerensammlungen werden in Baumschulen oder einer «Hoschtet» erhalten. Um viele Sorten kümmern sich aber ehrenamtliche Sortenbetreuerinnen. Sie geben einem Beerenstrauch, einem Obstbaum ein Zuhause oder säen die verschiedenen Sorten in ihren Gärten aus. Am Ende der Saison senden sie uns einen Teil des Saatgutes zurück. Dieses lagern wir anschliessend in unserer Samenbibliothek ein. Den anderen Teil können sie über unseren Sortenfinder weiterverschenken.

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 1/2026. Das Gespräch führte Alina Schönmann.

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