Wie sich Landwirtinnen untereinander vernetzen

Wie tauschen sich Frauen in der Landwirtschaft aus? Eine erste Recherche zeigte: Die Angebote sind verstreut und nicht immer leicht auffindbar. Die Nachforschungen führten zu Arbeitskreisen an landwirtschaftlichen Schulen, einem Forschungsprojekt der HAFL und zu selbstorganisierten Netzwerken. Eines wurde deutlich: Es gibt Austauschmöglichkeiten, doch die Frauen wünschen sich mehr davon.

Höfenetzwerk-Mitglied Laura Crüzer vom Hof Lacapracampa ist Teil einer informellen Austauschgruppe unter Frauen.
Höfenetzwerk-Mitglied Laura Crüzer vom Hof Lacapracampa ist Teil einer informellen Austauschgruppe unter Frauen.

Die UNO hat 2026 zum «Internationalen Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen» ausgerufen. Frauen spielen eine wesentliche Rolle in der Landwirtschaft, doch ihr Beitrag wird oft unterschätzt und nicht sichtbar. Der Zugang zu Ressourcen sowie Entscheidungsprozessen bleibt ungleich verteilt. Doch wer ist eigentlich eine Landwirtin? Der Begriff ist vielschichtig. Während die Ausbildung zur Landwirtin EFZ und Agronomin eine klare Qualifikation darstellt, umfasst der Begriff Bäuerin ein breites Spektrum – von der Inhaberin des Fachausweises «Bäuerin» bis hin zu Frauen, die den Betrieb ohne formellen Titel prägen.

Sich wandelnde Rollenbilder

Das Zusammenleben auf dem Bauernhof ist so individuell wie die Betriebe selbst. Dennoch zeigen Umfragen des Bundesamts für Landwirtschaft von 2012 und 2022 einen deutlichen Wandel im Rollenverständnis. Zwar sehen sich 2022 noch drei Viertel der befragten Frauen primär in der Rolle als Hausfrau und Mutter, doch parallel dazu definieren sich 36 % als Mitbewirtschafterin und 14 % (bei den unter 35-Jährigen sogar 46 %) als Betriebsleiterin. Im Vergleich zu 2012 hat die reine Hausfrauenrolle an Bedeutung verloren, während die Selbstwahrnehmung als Führungskraft zugenommen hat.

Dies spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Der Beruf des Landwirts war lange eine Männerdomäne, doch der Frauenanteil steigt stetig. Waren 2005 nur 9 % der Landwirtschaftslernenden Frauen, sind es 20 Jahre später bereits 25 % (Bundesamt für Statistik). Im Gemüsebau liegt der Anteil sogar bei 40 %. Die Zahl der offiziell als Betriebsleiterinnen eingetragenen Frauen bleibt jedoch hinter dieser Entwicklung zurück: Von 3,3 % im Jahr 2000 stieg der Anteil 2024 auf 7,7 %. Frauen führen dabei häufig kleinere Betriebe (Agrarbericht 2025). Das zeigt sich auch im Höfenetzwerk der Kleinbauern- Vereinigung, wo 23 % der Betriebe von Frauen geleitet werden.

Warum spezifischer Austausch notwendig ist

Warum brauchen Frauen in der Landwirtschaft überhaupt spezifische Austauschformate? Es geht nicht darum, Männer auszuschliessen, sondern Räume zu schaffen, in denen geschlechterspezifische Themen besser verstanden und bearbeitet werden können. Ricarda Caderas, Coach eines Gesprächskreises für Frauen in Chur, erläutert: «Bei einem Frauentreffen bekommen frauenspezifische Themen mehr Raum und können freier angesprochen werden.»

Eine informelle Umfrage unter den Bäuerinnen und Landwirtinnen im Höfenetzwerk der Kleinbauern- Vereinigung ergab einen breiten Mix an gewünschten Austauschthemen und deckt sich mit spezifischen Erfahrungen von Frauen. Dazu gehört die Mehrfachbelastung durch Betrieb, Haushalt und Fürsorgearbeit, die oft unsichtbar bleibt. Auch der Umgang mit Diskriminierung im Berufsfeld und mit Vorurteilen in einem traditionell männlich konnotierten Bereich steht auf der Agenda. Einige Frauen wünschen sich zudem einen Austausch rund um persönliche Berufswege und Werdegänge, während sich andere über queere Lebenswelten in der Landwirtschaft austauschen möchten.

Vielfalt der Angebote: Von Schulen bis Selbstorganisation

In der Schweiz gibt es bereits einige Angebote für frauenspezifischen Austausch. Landwirtschaftliche Schulen wie das Inforama (BE), der Strickhof (ZH) oder die Liebegg (AG) bieten beispielsweise Arbeitskreise exklusiv für Frauen an. So treffen sich beim Inforama 10–15 Frauen mehrmals jährlich in Kreisen wie «Betriebsleiterinnen » oder «Spagat zwischen Arbeitsproduktivität und Lebensqualität ». Der Plantahof im Graubünden hat Gesprächskreise für Frauen mit ausgebildeten Coaches etabliert, die hohe Nachfrage finden und daher sukzessive ausgebaut werden. In der Romandie wurde durch die biologische landwirtschaftliche Genossenschaft Progana und fünf Betriebsleiterinnen das Projekt «Femmes Fermes» ins Leben gerufen, das sich der Genfer Gruppe Femmes de la Terre angeschlossen hat.

Das Forschungsprojekt «Frauen in der Landwirtschaft sichtbar machen, stärken und vernetzen» (wir berichteten im Agricultura 3/2023) der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen und Vision Landwirtschaft setzt ebenfalls wichtige Impulse: In drei Regionalgruppen wurden nicht nur fachliche Merkblätter erarbeitet, sondern vor allem auch Netzwerke aufgebaut. Anna Kröplin vom Projekt betont: «Die Teilnehmerinnen haben sich vorwiegend wegen dem informellen, aber auch landwirtschaftsspezifischen Austausch mit anderen Frauen gemeldet.»

Strukturelle Herausforderungen bleiben

Daneben entstehen Initiativen in der Praxis selbst. So haben Frauen beispielsweise im Jura und Graubünden Gruppen aus Eigeninitiative gegründet. Nicht immer ist der selbstorganisierte Austausch mit dem Ziel der Problemlösung einfach. So berichtet Laura Crüzer aus dem Bergell von jahrelangen Diskussionen, die jedoch an der harten Realität des Alltags scheiterten. «Heute ist uns wichtig, dass wir im Alltag Leichtigkeit erleben können. Deshalb treffen wir uns für Aktivitäten, die uns Spass machen – wie Yoga und Singen», erklärt sie. Das zeigt, dass der Austausch auch Spass und gegenseitige Stärkung bedeuten muss, nicht nur Problemlösung.

Wie die Erfahrung von Laura Crüzer zeigt, bleibt ein strukturelles Problem bestehen: In einem Berufsfeld mit hoher Arbeitsbelastung ist organisierter Austausch eine Herausforderung. So zeigt eine Studie des Bundesamts für Landwirtschaft von 2022, dass Frauen zwar Zeit für Familie und Partnerschaft haben, aber wenig Kapazität für Engagement in Verbänden. Unsere Umfrage im Kleinbauern-Höfenetzwerk und auf Social Media zeigt: Die Vernetzungsmöglichkeiten sind da und werden genutzt. Aber der Wunsch nach weiterer Vernetzung bleibt bestehen – auch wenn er zeitlich eine Herausforderung ist.

 

Austauschmöglichkeiten und Anlässe im UNO-Jahr

Am 19. September planen Agridea, SBLV und weitere Partner ein Netzwerktreffen für Frauen in der Landwirtschaft anlässlich des UNO-Jahres. Das Treffen findet auf dem Ballenberg im Rahmen der Ausstellung «Frauen in der Landwirtschaft: gestern – heute – morgen» statt. Der Vormittag steht im Zeichen von Empowerment, der Nachmittag lädt zur Besichtigung des Infomarkts und der Ausstellung ein. Die Kleinbauern-Vereinigung ist mit einem Stand vor Ort.

Auch die Tage der Agrarökologie 2026 im Oktober stehen im Zeichen des Internationalen Jahres der Frauen in der Landwirtschaft. Die Kleinbauern-Vereinigung organisiert in diesem Rahmen einen Anlass im Höfenetzwerk. Der Anteil an Betriebsleiterinnen im Kleinbauern-Höfenetzwerk ist dreimal höher als im Schweizer Durchschnitt. Wir gehen deshalb der Frage nach, welche Rolle Frauen als treibende Kraft für den Wandel in der Landwirtschaft spielen. Details folgen auf unseren Kanälen.

Das Projekt Frauen in der Landwirtschaft der HAFL möchte ausserdem den Aufbau eines regionalen/nationalen Netzwerkes für Betriebsleiterinnen unterstützen. Interessierte melden sich hier: frauenlandwirtschaft.ch/vernetzung

 

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 2/2026. Autorin: Alina Schönmann

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