Hirtinnen und Älplerinnen in der Schweiz und Europa

Frauen auf der Alp, das gibt es schon so lange, wie Menschen «z’Alp» gehen. Sie waren jedoch nicht immer gleich sichtbar. Dies stellen auch zwei Bäuerinnen aus Graubünden fest, die sich im April in Madrid mit anderen Hirtinnen und Viehzüchterinnen aus ganz Europa trafen und zusammen über die Ausgestaltung einer gemeinsamen Zukunft diskutierten.

32 Hirtinnen und Viehzüchterinnen aus sieben Ländern Europas tauschten sich im April über ihre Erfahrungen aus und diskutierten über die Ausgestaltung einer gemeinsamen Zukunft.
32 Hirtinnen und Viehzüchterinnen aus sieben Ländern Europas tauschten sich im April über ihre Erfahrungen aus und diskutierten über die Ausgestaltung einer gemeinsamen Zukunft. Foto: Julia Patzen

Europäisches Hirtinnen-Treffen in Madrid

Von Madrid habe sie nicht viel mehr gesehen als ihr Hotel von innen, erzählt Flavia Brüesch. Flavia, das ist eine von vier Frauen aus der Schweiz, die am Austauschtreffen in Madrid teilgenommen haben. Zehn Jahre lang war sie Älplerin, heute führt sie gemeinsam mit ihrem Mann einen Bauernbetrieb am Rande Churs, ist Gemeinderätin und Lehrerin. Eigentlich zieht es Flavia immer in die Natur. Dass sie sich während dieser Apriltage fast nicht aus dem Hotel bewegte, zeugt von der Wichtigkeit des dort besprochenen. 32 Frauen aus sieben Ländern Europas versammelten sich auf Einladung des spanischen Netzwerks für Viehzüchterinnen und Hirtinnen, Ganaderas en red. Drei Tage lang tauschten sich die Frauen über ihre Erfahrungen aus, analysierten verschiedene Herausforderungen und diskutierten in verschiedenen Workshops über die Gestaltung ihrer Zukunft.

Ein bewegendes Treffen

«Das duat scho guat, wemer merkt, i bi nid allai», betont Flavia. Ein achtsamer Prozess sei das gewesen – ein Verständnis zu schaffen über verschiedene Sprachen und Lebenswelten hinweg. Und gleichzeitig auch sehr inspirierend, die anderen Frauen kennenzulernen. Wie etwa eine Hirtin, die 800 Schafe praktisch alleine 200 Kilometer weit treibt. Julia Patzen, Bäuerin und Vorstandsmitglied des Bündner Bäuerinnen- und Landfrauenverbands, war ebenfalls dabei und erzählt: «Die Gemeinsamkeiten waren spürbar. Das war sehr bewegend für uns alle». Diese hätten sich darin gezeigt, dass sie alle viel Verantwortung trügen – für Mensch und Tier, im Umgang mit Unwettern, Grossraubtieren oder Einsamkeit. Auch sei es eine Herausforderung, als Frau einen Platz zu finden zwischen der Bewirtschaftung des Landes, Behörden, Tourismus, dem gesellschaftlichen Wunsch nach erneuerbaren Energien und neuen Ernährungstrends.

 

Ruf der Hirtinnen: Die Teilnehmerinnen des europäischen Hirtinnen- und Viehzüchterinnentreffens rufen ihre Tiere. Video: Flavia Brüesch.

Schon immer da, aber weniger sichtbar

Im Buch Das Alpwesen Graubündens hielt der Volkskundler Richard Weiss 1941 fest, dass auf genossenschaftlichen Alpen ausschliesslich Männer und Knaben arbeiteten. Auf den Privatalpen sah die Situation jedoch anders aus: Diese wurden meistens von ganzen Familien betrieben. In manchen Gebieten führten Frauen die Alp ohne Männer, denn diese gingen einer saisonalen Arbeit ausserhalb der Landwirtschaft nach. Auch Julia betont: «Sie waren schon immer da, die Schwestern, Tanten und Grossmütter, die in den Familien das Vieh betreuten.» Gehen wir in der Zeit noch weiter zurück, so waren Frauen die längste Zeit für die Milchverarbeitung zuständig. Erst mit der Umstellung von Sauerkäserei auf Labkäserei ab dem 15. Jahrhundert – unter anderem angetrieben durch die gestiegene Nachfrage nach haltbarem Hartkäse für Seeleute – wurde das Käsen zu einem spezialisierten Männerberuf.

Ab den 1950er-Jahren blieb ein Teil der Alpbetriebe aus Mangel an Sennen unbewirtschaftet, bis sie nach 1970 zunehmend von Personen mit einem nicht-landwirtschaftlichen Hintergrund geführt wurden. Wie aus dem Projekt AlpFUTUR von 2013 hervorgeht, werden auch auf genossenschaftlichen Alpen immer mehr Frauen für die Milchverarbeitung und Viehbetreuung angestellt. «Es sind neue, auch urbane Frauen, die sich für diese Aufgabe entscheiden. Sie sind vernetzt und zeigen sich», ergänzt Julia.

Von Chur ins Madris: Gelebte Transhumanz

Für Flavia ist Transhumanz nicht nur eine leere Worthülse, sondern gelebte Selbstbestimmung. Während der Viehtransport für viele Betriebe selbstverständlich mit dem LKW erfolgt, entschied sie sich bewusst für den Fussmarsch. Nach ihrer Zeit als Älplerin begann sie, mit ihrer Schafherde von Chur ins Val Madris und zurück zu ziehen. Während rund fünf Tagen erklimmt sie mit ihren Schafen Gipfel von über 2500 und 2700 m ü. M. Eine Genehmigung dafür zu erhalten war jedoch nicht leicht – schlussendlich aber stellte der Kanton ihr ein sechsseitiges Bewilligungsschreiben aus.

Auch ihre europäischen Kolleginnen kennen die Schwierigkeit der gelebten Transhumanz, denn die Passierung alter Triebwege ist nicht mehr selbstverständlich. Viele von ihnen werden fragmentierter, sei dies wegen Strassen, Zugstrecken oder anderen Infrastrukturbauten. Wurde Flavia zunächst von ihren Kollegen belächelt, wird sie heute gar für Kooperationen angefragt. So erkundigen sich Landwirte, ob sie mit ihren Schafen nicht einen Zwischenstopp einlegen könne, um unterwegs eine Weide zu pflegen. Das zeigt den Bedarf an Hirtinnen und Hirten, die mit ihren Tieren wichtige Beiträge zur Landschaftspflege leisten. Eine Arbeit, die für Flavia jedoch entsprechend entlöhnt werden muss.

Flavia entschied sie sich bewusst für den Fussmarsch und zieht mit ihrer Schafherde von Chur ins Val Madris und zurück.
Flavia entschied sie sich bewusst für den Fussmarsch und zieht mit ihrer Schafherde von Chur ins Val Madris und zurück. Foto: Flavia Brüesch

Unterschiedliche Massstäbe

Beim Treffen in Madrid kamen nicht nur Gemeinsamkeiten zur Sprache. Besonders Julia sieht neben den vielen Parallelen klare Unterschiede. So lebten beispielsweise Frauen in Spanien während den fünf Sommermonaten bei praktisch keinem Regen in einem wüstenähnlichen Klima. In den von Landflucht betroffenen Gegenden gibt es wenig Infrastruktur – keine Schulen, medizinische Versorgung, teilweise keinen Handyempfang. Dass diese Situation gerade mit Kindern eine Herausforderung ist, liegt auf der Hand.

«Als Hirtin kann man in der Schweiz alles erreichen, wenn man will», ist Julia überzeugt. Etwas anders sieht das Flavia: «Wir in der Schweiz denken immer, wir seien so fortschrittlich. Aber ich bin mir da nicht so sicher.» Als sie den patriarchal geführten Hof ihrer Eltern gemeinsam mit ihrem Partner übernahm, war es ein grosser Kraftakt, ihre Rolle als Betriebsleiterin zu etablieren – während die ihres Mannes ohne Federlesen akzeptiert wurde. Dennoch ist sie überzeugt, dass sich die Situation geändert hat: «Meine Tochter, die gerade die Ausbildung zur Landwirtin abgeschlossen hat, wird es einfacher haben.»

Wie geht es nun mit den Erkenntnissen aus Madrid weiter? Geplant ist die Gründung eines europäischen Netzwerks für Viehzüchterinnen und Hirtinnen. «Mit einer gezielten und gemeinsamen Kommunikation können wir mehr erreichen als alleine», ist Flavia überzeugt. Zudem arbeitet die Gruppe an einem Manifest, in dem die Frauen ihre Zukunftsvision skizzieren: Gelebte Gleichstellung, ein vorausschauender Umgang mit der Klimakrise, Zugang zu Ressourcen und Mitspracherecht bei Gesetzen sind einige der darin erwähnten Punkte.

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 3/2026. Autorin: Alina Schönmann

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