Malika Naula hat ihre Masterarbeit in Psychologie an der Universität Lausanne über Hofübergaben in der Westschweiz geschrieben. Sie hat zehn Landwirtinnen und Landwirte befragt, die einen Betrieb übergeben oder übernommen haben. Darunter befanden sich auch einige Personen, die sie über die Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe der Kleinbauern-Vereinigung kennengelernt hat. Wir haben sie in Lausanne für ein Gespräch getroffen.

Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe: Inwiefern spielen Stereotypen bei Hofübergaben eine Rolle?
Malika Naula: In der Psychologie spricht man von Stereotypen, wenn man Menschen einer sozialen Gruppe zuordnet und ihnen entsprechende – oft überspitzte – Eigenschaften zuschreibt. Stereotypen können sowohl wertschätzend wie auch abwertend sein.
In meinen Interviews tauchten verschiedene Beispiele von Stereotypen auf: Die «Quereinsteiger:innen» wurden beispielsweise oft mit fehlender Praxiserfahrung verknüpft und ihre Ausbildung als weniger komplett betrachtet als diejenige von Menschen, die in der Landwirtschaft aufgewachsen sind. Die «Städer:innen» würden den Beruf idealisieren, ohne die Realität der Landwirtschaft zu kennen. Die «Jungen» schliesslich würden sich das Leben zu leicht gestalten wollen.
Wenn wir jemanden kennenlernen, ordnen wir diese Person meist automatisch einer sozialen Gruppe zu und schreiben ihr die entsprechenden stereotypischen Eigenschaften zu. Ihre Handlungen werden anhand dieser Stereotypen interpretiert und Verhaltensweisen, die diese Stereotypen nicht bestätigen, können möglicherweise nicht wahrgenommen oder nicht bewusst reflektiert werden. Diese voreingenommenen und stereotypischen Wahrnehmungen können die Begegnungen zwischen Hofübergebenden und -übernehmenden beeinflussen.
Inwiefern kann der Begriff «Lebensweg» dabei helfen, den Prozess der Hofübergabe zu verstehen?
Der Begriff Lebensweg ermöglichte es mir, die Zeit der Übergabe/Übernahme als einen Moment zu analysieren, der von formellen und informellen Normen geprägt ist. Unter Normen verstehe ich formelle und informelle Erwartungen daran, was als «richtiges» Verhalten und Handeln gilt. Das Abweichen von diesen Erwartungen kann sozialen Druck und Belastung hervorrufen.
So weichen ausserfamiliäre Hofübergaben häufig von dem ab, was gesellschaftlich und strukturell erwartet wird (innerfamiliäre Hofübergaben werden durch den rechtlichen Rahmen gefördert und entsprechen auch eher der sozialen Norm). Der Blick auf den Lebensweg hilft daher, die persönlichen, sozialen und strukturellen Spannungen besser zu verstehen, die bei Hofübergaben entstehen können.
Was kann Landwirt:innen den Übergang in die Pensionierung erleichtern?
Der Übergang in die Pensionierung verändert die Identität und das Selbstbild der Betroffenen, insbesondere wenn die Arbeit einen grossen Teil ihres Lebens bestimmt hat, wie es bei vielen Landwirtinnen und Landwirten der Fall ist. Nach der Pensionierung muss eine neue Identität aufgebaut werden.
Studien zeigen verschiedene Strategien, die diesen Prozess unterstützen können: Ein erster Mechanismus besteht darin, sich nach der Pension in sozial anerkannten Rollen zu engagieren, z.B. als Grosseltern oder in Vereinen. Ein zweiter Mechanismus besteht darin, Aktivitäten beizubehalten, in denen sich die Person kompetent fühlt (z.B. indem sie weiterhin auf dem Hof mithilft oder einen Gemüsegarten pflegt), oder neue Aktivitäten zu erkunden, die ihr Selbstwertgefühl stärken. Schliesslich kann das Weitergeben von Kompetenzen und Wissen helfen, sich nach und nach von der eigenen Tätigkeit zu lösen. Wichtig ist auch die Unterstützung durch Angehörige. Diese verschiedenen Strategien können helfen, den Identitätswandel zu erleichtern.
Mir ist es abschliessend wichtig zu betonen, dass meine Forschung und meine Masterarbeit Anregungen zum Nachdenken und Verstehen bieten sollen. Jede Erfahrung und jede Situation sind aber einzigartig.
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