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Ein Zehntel der Fläche von Zürich wird landwirtschaftlich genutzt. Die Stadt Zürich hat dabei schon früh die Bedeutung dieser Grünflächen erkannt und prägt deren Bewirtschaftung bis heute stark mit.


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An der äussersten Grenze von Zürich Altstetten, eingepfercht zwischen Autobahn, Bahngeleisen und Sportplätzen, befindet sich der Gutsbetrieb Juchhof. Hier liegt nicht nur das Betriebszentrum von einem der knapp 30 Stadtzürcher Bauernhöfe, sondern auch die Büros des Fachbereichs Landwirtschaft von Grün Stadt Zürich. Seit 2018 wird der Fachbereich vom Agronomen Bernhard Koch geleitet, der neben seiner Aufgabe in der Stadtverwaltung auch seit 20 Jahren einen eigenen Betrieb im Aargauischen Freiamt führt. Er erklärt, was die Stadtlandwirtschaft besonders macht, wie die Zürcher Bauernhöfe mit politischem Druck und Nutzungskonflikten umgehen und wieso vielfältige Strukturen immer wichtiger werden.

Bernhard Koch, wo in der dichtbebauten Stadt Zürich gibt es überhaupt noch Landwirtschaft?
Total verfügen wir in der Stadt Zürich über 810 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, grösstenteils am Stadtrand. Darauf verteilen sich aktuell knapp 30 Höfe. 13 dieser Höfe und zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche gehören der Stadt Zürich, der Rest ist in Privatbesitz. Mit Ausnahme des Juchhofs, der von Mitarbeitenden von Grün Stadt Zürich geführt wird, sind alle städtischen Betriebe verpachtet und werden von Bauernfamilien, Vereinen oder Genossenschaften auf eigene Rechnung geführt. Alle städtischen Betriebe sowie vier Fünftel der städtischen Flächen werden biologisch bewirtschaftet. Unter den privaten Betrieben hat es sowohl sehr kleine Höfe mit wenigen Hektaren, z.B. Rebbau-Betriebe und Schafhalter. Die Höfe am Stadtrand sind hingegen überdurchschnittlich gross. Eigentlich schon fast etwas zu gross.

Zu gross? Heisst das, ihr hättet lieber wieder kleinere Höfe?
Einerseits möchten wir die Flächen der Höfe am Stadtrand wieder besser arrondieren. Anderseits geht es aber tatsächlich auch darum, wieder neue Höfe zu schaffen. Wir zählen heute bewusst auch die drei STadtzürcher solidarischen Landwirtschaftsprojekte Stadtlandacker, Pura Verdura und Meh als Gmües zu den Landwirtschaftsbetrieben dazu. Dies ermöglicht es ihnen, einfacher zu Land und zu Ökonomiegebäuden zu kommen. So sind in den letzten Jahren entgegen dem sonstigen Trend in der Stadt Zürich nicht weniger, sondern mehr Betriebe entstanden. Es gibt zudem vereinzelt Ökonomie- und Wohnhäuser, welche bereits der Stadt Zürich gehören und die wir mittelfristig wieder in eigenständige Betriebe umwandeln wollen. Letztes Jahr konnte die Stadt einen Kleinstbetrieb in Leimbach kaufen, der in letzter Zeit nicht mehr bewirtschaftet wurde. Diesen werden wir demnächst wieder als Ganzes zur Pacht ausschreiben. Dies tun wir, weil wir überzeugt sind, dass im Hinblick auf eine klimafreundlichere und agrarökologische Landwirtschaft kleinere Einheiten eine wichtige Rolle spielen.

Wie kam es dazu, dass die Stadt Zürich überhaupt so viele Höfe und Landwirtschaftsland besitzt?
Der Entscheid, eine bestimmte Anzahl Höfe und Landwirtschaftsfläche zu erhalten, liegt einige Jahrzehnte zurück. Die Abstimmung über den kommunalen Richtplan letzten Herbst festigte diese Strategie nun nochmals. Die Bedeutung von Grünräumen wird im Hinblick auf die wachsende Bevölkerung und den Klimawandel weiter steigen. Und es ist wichtig, diese Grünräume multifunktional zu nutzen. Sie dienen auch der Erholung, der Biodiversität und dem Stadtklima. Bei den meisten Betrieben, die heute in städtischem Besitz sind, geht die Übernahme auf die Zeit der Eingemeindung der heutigen Aussenquartiere zurück, die zuvor noch eigenständige Dörfer waren. Die Stadt Zürich ist schon seit längerer Zeit sehr aktiv im Landkauf, gestützt auf ein Vorkaufsrecht für Flächen in der Freihalte- und Landwirtschaftszone. Sobald wir solch eine Möglichkeit haben, nutzen wir das auch und haben so natürlich auch viel mehr Einfluss, was auf diesen Flächen passiert.

Solchen Einfluss machte die Stadt Zürich geltend, als sie 2002 anordnete, dass alle verpachteten Höfe und Flächen künftig nur noch biologisch bewirtschaftet werden dürfen. Gab es da keinen Protest?
Doch, es gab damals auf einzelnen Betrieben Widerstand und es hiess, die Stadt mische sich zu fest ein. Man kann sich das heute fast nicht mehr vorstellen, weil die Nachkommen der damaligen Betriebsleiter heute wirklich aus Überzeugung Biolandwirtschaft praktizieren. Was wir hingegen immer noch spüren, ist der Widerstand einiger Höfe in Privatbesitz, die noch nicht umgestellt haben, dies jedoch aufgrund der Flächen, die sie von der Stadt pachten, spätestens beim Generationenwechsel tun müssen – ansonsten verlieren sie die Flächen. Drei dieser Höfe haben sich nun über längere Zeit damit auseinandergesetzt und werden auf nächstes Jahr auf Bio umstellen.

Wie unterstützt ihr die Betriebe bei der Umstellung?
Mit dem Generationenwechsel wurde bewusst eine lange Übergangsfrist gesetzt. Zudem gehen wir stufenweise vor. Wir haben zum Beispiel lange darauf hingearbeitet, dass der Zürcher Stadtwein ab 2027 biozertifiziert sein wird. Bei der Erneuerung der Pachtverträge mit den konventionellen Rebbau-Betrieben haben wir integriert, dass diese bei der Remontierung der Rebstöcke auf PIWI-Sorten umstellen mussten. So konnten die Bedingungen für den pestizidfreien Weinbau nach und nach geschaffen werden.

Was wird am meisten produziert auf den Flächen der Stadt Zürich?
Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Stadt Zürich sind Wiesen und Weiden. Auf etwas mehr als 100 Hektaren wächst Getreide. Auch produzieren wir in der Stadt Zürich auf rund 15 Hektaren Raps und vermarkten daraus das beliebte, kaltgepresste Bio-Rapsöl unter dem Label «Stadtpur». Obstanlagen inkl. Reben machen rund 13 Hektaren aus. 6 Hektaren werden ausserdem für den Anbau von Freilandgemüse genutzt, etwa gleich viel wie für Kartoffeln. Zudem zählt die Stadtzürcher Landwirtschaft 2968 Hochstammbäume. Generell haben wir mit rund 40 Prozent einen sehr hohen Anteil an Biodiversitätsförderflächen.

Wo landen die Lebensmittel, die auf diesen Flächen entstehen?
Wir schätzen, dass die städtische Landwirtschaft nur ca. zwei bis vier Prozent der Lebensmittelversorgung der Zürcherinnen und Zürcher abdeckt. Nebst einem hohen Anteil an Direktvermarktung gehen viele Acker- und tierische Produkte in den Grosshandel über Biofarm, Fenaco oder Emmi. Wie aktiv die einzelnen Höfe in der Direktvermarktung sind, hängt stark von den vorhandenen zeitlichen Ressourcen ab. Einige Höfe, z.B. der Waidhof, Riedenholzhof, Gfellerhof und der Leimbihof, stecken sehr viel Herzblut in ihre Hofläden und vermarkten so einen Grossteil ihrer Produkte selber. Eine Krux bei der Direktvermarktung ist dabei die Verarbeitung und Logistik.

Um die Direktvermarktung der Stadtzürcher Landwirtschaft zu stärken, habt ihr vor einigen Jahren das Label «Stadtpur» lanciert. Damit sollten auch Verarbeitungsstrukturen aufgebaut werden. Wie läuft das?
Leider noch nicht so gut, wie wir uns das erhofft haben. In Zürich fehlen mittelgrosse lokale Verarbeitungs- und Lagerstrukturen, die es bräuchte, um die Warenflüsse zu trennen und z.B. das Stadtzürcher Getreide separat zu vermahlen und zu vermarkten. Ähnlich sieht es bei den Produkten Milch und Fleisch aus. Es gibt keine grössere Käserei mehr in Zürich. Die Logistik ist auch auf kleinerem Raum sehr komplex und eine bessere Vernetzung entlang der Wertschöpfungskette, wie es beispielsweise das Ernährungsforum Zürich macht, hat hier sicher noch grosses Potential.

Ist eine höhere Versorgung der Stadtbevölkerung überhaupt das Ziel oder konzentriert sich die Stadtlandwirtschaft besser auf andere Aufgaben?
Die Stadtzürcher Landwirtschaft hat sicher viele weitere Aufgaben als die reine Kalorienproduktion. Im Hinblick auf die Klimaschutzstrategie stehen wir gerade wieder vor der wichtigen Frage, was auf unseren Flächen überhaupt produziert werden soll: Steht die Kalorienproduktion im Vordergrund oder ist die Klimawirkung wichtiger? Hier stellen wir auch Widersprüche fest, v.a. in Bezug auf die grossen Grünlandflächen. Widmen wir diese komplett dem Klimaschutz oder behalten wir sie wenigstens mit der Prämisse, standortgerecht zu produzieren?

In letzter Zeit ist der politische Druck zur Reduktion der Tierbestände seitens Gemeinderat hörbarer geworden. Wie gehen die Höfe damit um?
Im Moment bearbeiten wir ein Postulat aus dem Gemeinderat, das die Frage beantworten soll, wie die Stadtzürcher Landwirtschaft ihren Beitrag an die Klimaziele der Stadt zu erfüllen gedenkt. Dort sind die Tierbestände natürlich auch ein grosses Thema. Wir wollen bis Ende 2023 eine Aussage treffen und diese gut begründen können. Das ist auch für die Perspektive unserer Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter wichtig. Überhöhte Tierbestände haben wir aufgrund des hohen Bioanteils zum Glück ohnehin nicht. Futtermittelimporte in die Stadt gibt es dank sehr tiefen Hühner- und Schweinebeständen kaum. Beim Grünfutter ist sogar das Gegenteil der Fall: Es gibt einen Überschuss, der die Stadt verlässt.

Welchen Einfluss hatte die Ernährungsstrategie, die 2017 vom Stadtzürcher Stimmvolk angenommen wurde und inzwischen in der Umsetzung ist?
Die Massnahmen, welche die Stadtlandwirtschaft betrafen – die Stärkung der lokalen Produktion und Vermarktung einerseits und andererseits, die solidarischen Landwirtschaftsprojekte (SoLaWis) mit mehr Fläche zu versorgen – waren schon vorher aufgegleist worden. Die SoLaWis haben inzwischen einen sehr hohen Stellenwert, da sie bzgl. Multifunktionalität noch etwas mehr leisten als die klassischen Landwirtschaftsbetriebe. Zudem helfen sie uns teilweise auch, Flächen sinnvoll zu bewirtschaften, die für den Ackerbau nicht geeignet sind. Auch bzgl. lokalem Vertrieb entsprechen die SoLaWis dem Idealfall, da ihre Produkte, meistens Gemüseabos, direkt in die Stadtzürcher Haushalte gehen.

Was für ein Typ Bauer oder Bäuerin muss man sein, um einen Betrieb in der Stadt Zürich zu bewirtschaften?
Viel Kundenkontakt bringt zwar grosse Wertschätzung mit sich, hat aber natürlich auch Schattenseiten. Man ist öffentlich exponierter und hat definitiv weniger seine Ruhe als anderswo im ländlicheren Raum. Viel Geduld, Kontaktfreude und generell Menschenliebe sind sicher Eigenschaften, die von grossem Vorteil sind! Wenn wir städtische Betriebe neu zur Pacht ausschreiben, haben diese zwischenmenschlichen Aspekte im gesamten Anforderungsprofil darum auch einen grossen Stellenwert.

Was sind denn die grössten Herausforderungen, wenn man in Stadtnähe Landwirtschaft betreibt?
Es werden sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse an die Höfe herangetragen. Ein grosses Ärgernis sind z.B. Eltern, die ihre Kinder unbeaufsichtigt auf dem Hof spielen lassen, rücksichtsloses Betreten von Flächen, Abfall und frei herumlaufende Hunde. Auch fehlt teilweise das Verständnis für die landwirtschaftlichen Arbeiten: Heuen findet nun mal bei schönem Wetter statt, also genau dann, wenn viele Leute unterwegs sind zum Spazieren. Auch mit direkt angrenzenden Privatgartenbesitzern gibt es hin und wieder Reibungen, z.B. wenn sich diese nicht um die Beseitigung von Neophyten kümmern. Dann ist auch der Umgang mit den städtischen Behörden nicht immer einfach. Baustellen und Verkehrsumleitungen, was es in der Stadt ständig irgendwo gibt, erschweren die Arbeit mit Fahrzeugen und Maschinen.

Haben sich diese Nutzungskonflikte in letzter Zeit verschärft?
Während der Corona-Schliessungen hat es sich sicher nochmals etwas verschärft. Verglichen zu früher plant die Stadtverwaltung auch viel mehr auf den vorhandenen Landwirtschaftsflächen. Die Bäuerinnen und Bauern kennen die Telefonnummer der Stadtverwaltung ganz genau und wissen, dass da jederzeit irgendetwas kommen kann. Der Kontakt ist wohl in keinem anderen Verpächter-Pächter-Verhältnis so intensiv wie bei uns in der Stadt Zürich. Auf der anderen Seite haben die Pächterinnen auch eine persönliche Anlaufstelle, die sich um ihre Anliegen kümmert, die finanzielle Mittel für betriebliche Verbesserungen und Investitionen hat und ihnen als Partner auf Augenhöhe begegnet. Diesen Anspruch halten wir sehr hoch. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist auch die Vernetzung. Einmal im Jahr organisieren wir ein Treffen, wo die Stadt Zürich über ihre Projekte informiert, aber auch die Betriebsleiterinnen ihre Fragen und Sorgen loswerden können. Diese Abende dauern immer sehr lange, denn viele Stadtzürcher Bäuerinnen und Bauern sehen sich praktisch nie unter dem Jahr.

Werfen wir noch einen Blick nach aussen: Beginnt die «klassische» Landwirtschaft eigentlich unmittelbar nach der Stadtgrenze oder reicht die Strahlkraft des Stadtzürcher Modells auch weiter in die Agglomeration hinaus?
Dadurch, dass die Stadt Zürich auch Land an Höfe verpachtet, die ausserhalb der Stadtgrenze liegen, haben wir dort natürlich auch eine gewisse Wirkung. Diese angrenzenden Höfe, die von uns Land pachten, sind auch zu unserem jährlichen Vernetzungstreffen eingeladen und werden in die Prozesse miteinbezogen. Aber auch die angrenzenden Gemeinden machen sich vermehrt Überlegungen, die in unsere Richtung gehen.

Was könnte die gesamtschweizerische Landwirtschaft vom Zürcher Modell abschauen?
Wir mischen uns bewusst nicht in die kantonale oder nationale Agrarpolitik ein. Uns ist auch durchaus bewusst, dass unser Verständnis von Landwirtschaft vielerorts auf grosses Unverständnis stösst. Natürlich freut es uns sehr, wenn wir ausserhalb von Zürich Anerkennung bekommen. In den Themen Biodiversität, Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel leisten wir sicher Pionierarbeit, die ausserhalb der Stadt Zürich Anwendung finden wird. So zum Beispiel mit dem auf lange Zeit angelegten Praxisversuch mit Pflanzenkohle, den wir mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL durchführen. Am wichtigsten ist uns aber, dass unsere Arbeit vor Ort geschätzt wird. Da ist es bereits ein Erfolg, dass die Leute überhaupt realisieren, dass die Stadt Zürich eine Landwirtschaft hat.

  • Dieser Artikel erschien in einer gekürzten Version in der Agricultura-Ausgabe 3/2022. Interview: Patricia Mariani

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