Zu lange nicht gehandelt

Im Juni 2021 stimmen wir nicht nur über zwei agrarpolitische Initiativen ab, sondern auch über das CO2-Gesetz. Was bei den Detailverhandlungen gerne verdrängt wird: Die Zeit für Worte ist schon lange vorbei angesichts der ökologischen und sozialen Herausforderungen, vor die uns die Klimakrise stellt. Es braucht jetzt Taten – auch im Bereich der Agrar- und Ernährungssysteme.

Wenn wir am 13. Juni 2021 über die Totalrevision des CO2-Gesetzes abstimmen, stellen wir die klimapolitischen Weichen für den Zeitraum 2021–2030. Mit der Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens hat sich die Schweiz verpflichtet, ihre Emissionen in dieser Periode gegenüber dem Stand von 1990 zu halbieren. Bis 2050 soll die Schweiz unter dem Strich keine Treibhausgasemissionen mehr ausstossen. Dies ist unser Beitrag, um die globale Klimaerwärmung auf 1,5 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Wie dies in einem ersten Schritt erreicht werden soll, ist im CO2-Gesetz festgelegt. Expertinnen sind sich einig, dass die Massnahmen angesichts der Dringlichkeit
(zu) wenig ambitioniert sind. Doch das Gesetz ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Und es legt Grundlagen für Sektoren fest, die bis jetzt keine Klimaschutzverpflichtungen kannten. So definiert
das neue CO2-Gesetz erstmals Massnahmen für Verursacher wie die Luftfahrt und den Autoverkehr. Auch die Landwirtschaft wird in die Pflicht genommen. Die entsprechenden Massnahmen sollen in der Landwirtschaftsgesetzgebung festgelegt werden.

Höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel

Die gegenwärtige globale Erwärmung bezeichnet den Anstieg der Durchschnittstemperatur der Atmosphäre und der Meere seit Beginn der Industrialisierung. Sie wird durch Treibhausgase verursacht,
insbesondere CO2, Methan und Lachgas. Diese werden bei der Verbrennung fossiler Energien, durch Entwaldung sowie in der Landwirtschaft freigesetzt. Es ist also unsere auf Wachstum und Verbrauch ausgerichtete Lebensweise, die das Klimasystem aus den Fugen bringt. Das wissen wir schon lange. Erste internationale Gespräche dazu fanden in den 1960er Jahren statt. Seit den 1990er Jahren besteht wissenschaftlicher Konsens, dass die seit 1850 gemessene globale Erwärmung menschgemacht ist. Das sind nun dreissig Jahre, in denen wir im vollen Bewusstsein der Faktenlage unsere Lebensgrundlagen zerstören. Damit steht nicht ein spezifischer Bereich am Pranger, sondern eine Wirtschafts- und Lebensweise, die zu viel Einsatz von (endlichen) Ressourcen verlangt.

Zivilgesellschaftlicher Druck nötiger denn je

Der Klimawandel ist bereits heute spürbar, auch in der Landwirtschaft. Gefragt sind deshalb vermehrt geeignete Anpassungsstrategien. Ebenfalls wird viel Geld und Forschung in technische Lösungen investiert, welche die Emissionen verringern sollen. Jeder Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise ist nötig, und Anpassungen auf den Höfen sind wichtig. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, wie wir ein an sich ressourcenintensives System möglichst effizient gestalten, sondern wie uns der Wandel zu einem nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystem gelingt. Ganzheitliche, klimaschonende und auf Resilienz basierende Ansätze wie die Agrarökologie weisen den Weg. Der aktuelle, landwirtschaftspolitische Stillstand macht wenig Hoffnung, dass dieser Systemwechsel im Rahmen der Schweizer Agrarpolitik innert nützlicher Frist realisiert wird. Auf zivilgesellschaftlicher Ebene allerdings gibt es Bewegung. Viele Organisationen machen sich stark für eine Landwirtschaft und ein Ernährungssystem, das unser Klima schont – auch die Kleinbauern-Vereinigung. Die alternativen Konzepte und Visionen sind da. Jetzt braucht es den nötigen Druck auf die Politik, damit diese endlich umgesetzt werden.

 

Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 2/2021.

  • AutorIn Annemarie Raemy

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