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«Wir hatten zu wenig Futter»

Das neue CO2-Gesetz ist zwar ein kleiner Schritt angesichts der grossen Herausforderungen. Aber es ist ein wichtiger Schritt vorwärts und in die richtige Richtung. Die Kleinbauern-Vereinigung setzt sich mit einer breiten Allianz für das CO2-Gesetz ein. Denn die Klimakrise bringt auch Herausforderungen für die Landwirtschaft – ein Sektor, der gleichzeitig Verursacher und Betroffener ist. Landwirt Stefan Jegge erzählt in einer Porträtserie der Klima Allianz Schweiz, welche Auswirkungen er bereits heute spürt und weshalb er auf hitzebeständiges Getreide aus Afrika umgestellt hat.

Stefan Jegge bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Anita den Landwirtschaftsbetrieb im aargauischen Kaisten bereits in zweiter Generation. Sein Vater kaufte den Hof 1951, das Paar übernahm ihn 2002 und veränderten vieles. Sie stellten auf Bio um und betreiben den Hof heute vorwiegend mit Milchkühen, Ackerbau, Tafeltrauben und etwas Hochstammobst. Aber auch sonst ist vieles anders als früher. Stefan Jegge erinnert sich, wie er als Kind gerannt ist, um das Heu ins Trockene zu bringen, wenn die Gewitter nahten. «Ich habe das Gefühl, dass wir heute in den Sommermonaten weniger Niederschläge haben als früher», sagt der Landwirt. «In der Zeit des Hauptwachstums der Pflanzen fehlt es an Wasser». Das Austrocknen der Böden sei gerade bei den Ansaaten und für die Gerinnung des Samens ein Problem und führe zu weniger Ertrag.

Die Trockenheit ist hauptsächlich auf die Erderwärmung zurückzuführen. In den letzten 30 Jahren lag die durchschnittliche Schweizer Jahrestemperatur rund 1°C über den Durchschnittswerten von 1961–1990. Der menschliche Treibhausgasausstoss ist für die beobachtete Erwärmung hauptverantwortlich. Die fünf wärmsten Jahre seit 1864 wurden nach 2010 gemessen (1). Für Stefan Jegge war der Hitzesommer 2003 prägend: «In diesem Jahr hatten wir zu wenig Futter wegen der Trockenheit. Zum ersten Mal habe ich am eigenen Leib erlebt, was es heisst, für alle diese Tiere verantwortlich zu sein», erinnert sich der Biobauer. Dieser Sommer habe auch gezeigt, dass die über Jahrzehnte genutzte Wasserquelle definitiv nicht mehr reichen werde für den Betrieb. «Zum Glück konnten wir aufs Dorfwassernetz umstellen», erzählt Stefan Jegge.

Der Hitzesommer machte auch klar, dass sie auf Pflanzen umstellen müssen, welche hitzebeständig sind, so Stefan Jegge: «Ich bin dann auf Sorghum gestossen, eine afrikanische Getreideart, welche im heutigen Klima besser wächst und die wir als Winterfutter einsetzen.» Es gäbe heute mehr Ungewissheit, ob genügend Futter produziert werden könne für die Tierbestände. Er setzte auf ein Vollweidesystem, das heisst, die Kühe sind während der Vegetationszeit auf der Weide. «Wir veränderten auch die Wiesenzusammensetzung und setzen heute mehr auf Pflanzen, welche wenig Wasser brauchen und extreme Hitze besser überstehen». Die Jegges bauten weitere Betriebszweige wie die Tafeltrauben auf, die ursprünglich aus dem Mittelmeergebiet stammen und Hitze gewöhnt sind.

Die Landwirtschaft ist nicht nur direkt betroffen vom Klimawandel, sondern ist gleichzeitig auch Verursacherin. 14 Prozent der in der Schweiz produzierten Treibhausgase stammen aus der Landwirtschaft. Sie ist damit nach Verkehr, Industrie und Haushalten die viertgrösste Verursacherin von Treibhausgasemissionen. Knapp die Hälfte der Emissionen macht das Methan aus der Nutztierhaltung aus, ein Drittel fällt auf das Lachgas, das den landwirtschaftlichen Böden und bei der Hofdüngerlagerung entweicht. Der Rest entfällt auf Kohlendioxid, das grösstenteils aus der Treibstoffverbrennung stammt (Schweizer Landwirtschaft im (Klima)wandel). Mit seinen Wurzeln auf dem Bauernhof hat Stefan Jegge eine starke Bindung zur Natur. Eine nachhaltige Produktionsweise war ihm darum immer ein Anliegen und auch Motivation, auf Biolandbau zu setzen: «Wir müssen so produzieren, dass einerseits die Bedürfnisse der Konsumenten erfüllt sind, aber wir andererseits auch bezüglich Klimawandel möglichst schonend sind,» so seine Grundhaltung. «Nur möglichst viel produzieren zu wollen und dabei die Natur auszubeuten, ist ein kurzfristiges Denken. Das kann nicht das Ziel sein», ist Stefan Jegge überzeugt. Es brauche Anpassungen bei den Produkten und in der Bewirtschaftungsform. Allgemein brauche es eine Umstellung in den Köpfen von vielen Bäuerinnen und Bauern, aber auch von Konsumentinnen und Konsumenten. Die Jegges leisten zum Beispiel mit dem System der Vollweide Gegensteuer. Das heisst, die Kühe verbringen die Zeit vom März bis November auf der Weide, essen das klimaschonende Gras und düngen die Wiese auch direkt mit ihrem eigenen Kot. «So nutzen wir das Gras als wertvolles Nahrungsmittel und verursachen keine Emissionen beim Lagern oder Transportieren von Dünger», erklärt Jegge, der auch mit der tier- und standortgerechten Rindviehhaltung auf Nachhaltigkeit setzt.

Selbst der Schweizer Bauernverband (SBV) fordert eine Klimapolitik, welche den Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens gerecht wird. Bereits in der Vernehmlassung zur Revision des CO2-Gesetzes machte der Verband deutlich, dass sie ein griffiges Gesetz wollen. Denn die Landwirtschaft sei speziell betroffen von der Klimakrise (2). Auch Stefan Jegge wünscht sich, dass die Politik Massnahmen gegen den Klimawandel ergreift. Als Vater von drei Kindern macht er sich Gedanken über die Zukunft: «Der Klimawandel wird, auch wenn wir ihn bremsen können, weiterhin starke Auswirkungen haben». Sein Sohn überlegt sich, die Erstausbildung zum Landwirt zu machen. «Ich denke, wenn die nächste Generation den Hof übernimmt oder weiterführt, werden die Bedingungen sicher schwieriger sein als jetzt».

Der Schweizer Bauernverband veröffentlichte 2019 die Analyse «Schweizer Landwirtschaft im (Klima)wandel». Die Analyse macht sichtbar, wie stark sich das Klima verändert und welche Herausforderungen zum Alltag von Betrieben gehört. Extremwetterereignisse treten häufiger auf: Extreme Hitze, starker Hagelschlag, Stürme oder massive Überschwemmungen können massive Folgen für die Produktion haben.

Mit den heissen Sommern treten vermehrt Schädlinge auf, hitzeempfindliche Kulturen reagieren mit Mindererträgen und bei bewässerten Pflanzenbeständen erhöhen sich Aufwand und Kosten. Viele Betriebe stellen auf hitzeresistente Kulturen und Sorten um, bauen Bewässerungsmöglichkeiten aus und stellen auf wassersparende Systeme um. Die wärmeren Winter sind schlecht für das Wintergetreide, das auf ausreichend lange Kälteperioden angewiesen ist. Auch die Zunahme von Spätforst erhöht das Produktionsrisiko. Die Landwirtschaftsbetriebe gehören mit 14 Prozent Anteil zu den grossen Verursachern von Treibhausgas-Emissionen. Sie sind gefordert, diese mit Anpassungen in Technik und Produktion zu senken.

Aber auch das Konsumverhalten muss sich ändern. Ungefähr 60 Prozent des Nahrungsmittelverbrauchs wird mit inländisch hergestellten Produkten gedeckt, 40 Prozent werden aus dem Ausland importiert. Der Anteil an klimabewussten Menschen, die lokale und saisonale Produkte einkaufen, sollte sich vergrössern.

Das Innovationspotenzial ist gross. So setzen zum Beispiel immer mehr Bäuerinnen und Bauern auf Humus (Teil der gesamten organischen Bodensubstanz) der zu rund 60% aus Kohlenstoff besteht. Mit natürlichen Methoden kann der Humusgehalt in den Feldern gesteigert und damit CO2 aus der Atmosphäre entfernen werden. Mit der regenerativen Art und Weise der Nahrungsmittelproduktion und über den Konsum dieser Lebensmittel können wir nicht nur den Klimawandel abbremsen, sondern auch die Bodenfruchtbarkeit steigern und damit langfristig unsere Lebensmittelversorgung sichern. (3)

 

 

  • Der Artikel ist Teil der Porträtserie «JA zum CO₂-Gesetz aus Verantwortung für die nächste Generation» der Klima-Allianz Schweiz. Verfasst wurde der Text von Andrea Huber z.H. der Klima-Allianz Schweiz.

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