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Gemeinsam zu mehr Vielfalt und gegenseitigem Verständnis

Als das solidarischen Landwirtschaftsprojekt Meh als Gmües eine alte Gärtnerei übernehmen konnte, zeigte sich, dass der Boden dort faktisch tot war. Bevor wieder etwas wachsen konnte, musste der Boden zuerst belebt und aufgebaut werden. Dies war Anlass, sich vertieft mit den Prinzipien der Agrarökologie auseinanderzusetzen.

Das Technikum Urbane Agrarökologie ist eigentlich aus einer Notlage heraus entstanden. Heute beschreibt es sich selber als Kompetenz- und Innovationszentrum, welches aus der Zivilgesellschaft kommt: «Unter dem Motto Die ganze Stadt ein Garten gestaltet das Technikum partizipative Prozesse mit den verschiedensten Akteuren, um gemeinsam transformative Lösungen für eine zukunftsfähigen Gesellschaft zu entwickeln.» Die Frage nach dem Zugang zu Land und wie der Boden genutzt werden soll, sind sowohl im globalen als auch im schweizerischen Kontext von grosser Bedeutung. Das Technikum Urbane Agrarökologie versucht, die Agrarökologie in Zürich auf den städtischen Raum umzusetzen. Seine Aktivitäten sind stark experimentell geprägt, denn die nötigen Innovationen müssen erst noch entwickelt, angewandt, getestet und vermittelbar gemacht werden. Deshalb der Begriff „Technikum“.

Es geht um mehr als fruchtbare Böden

Fotos: Frank Meissner

Am Anfang stand also die konkrete Beschäftigung mit dem eigenen Gemüsebetrieb. Vom konkreten Projekt ausgehend hat die Genossenschaft rasch gemerkt, dass sich viele weitere Fragen in einem grösseren Rahmen stellen. Es geht bei der urbanen Agrarökologie nicht nur um die städtischen Landwirtschaftsflächen, sondern  um den Umgang mit allen städtischen Grün- und Freiräumen: Welche Funktionen sollen diese erfüllen? Was kann die Bevölkerung mit ihnen anfangen? Dazu hat das Technikum Urbane Agrarökologie die 13 Prinzipien der Agrarökologie in drei Dimensionen der urbanen Agrarökologie übersetzt: die agrarökologische Produktion von Lebensmitteln, die Förderung der Biodiversität und Flächen für die soziale Teilhabe und Gemeinschaft. Damit soll ein Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation von Städten geleistet werden.

Obwohl es wichtig ist, dass mit der Landwirtschaft ein Einkommen erwirtschaftet werden kann, ist die Lebensmittelproduktion für das Technikum Urbane Agrarökologie nicht das alleinige Ziel städtischer Landwirtschaft. Gerade in der Stadt – aber nicht nur! – erfüllt Landwirtschaft und erfüllen Landschaften sehr viele verschiedene Funktionen und sind somit in allen drei erwähnten Dimensionen der urbanen Agrarökologie produktiv. Diese geht  über die Produktion von Nahrungsmitteln im urbanen Raum hinaus, es geht nicht primär darum einen möglichst hohe Selbstversorgungsgrad auf dem städtischen Gebiet zu erreichen. Vielmehr sollen die  Grün- und Freiräume in der Stadt grundsätzlich essbar, biodivers und für viele Menschen zugänglich, gestaltbar und nutzbar gemacht werden. Dadurch entwickeln die Bewohner:innen ein besseres Verständnis dafür, wie Lebensmittelproduktion und Naturkreisläufe funktionieren und fühlen sich wieder stärker verbunden und eingebettet in diese Prozesse. Die urbane Agrarökologie beinhaltet auch eine stärkere Vernetzung zwischen Produzent:innen und Konsument:innen und die Förderung regionaler Netzwerke, die nicht an den Stadtgrenzen aufhören. Für die Menschen vom Technikum Urbane Agrarökologie ist klar: Erst durch ein starke Verbreitung solcher Netzwerke entstehen nachhaltigere Strukturen der Lebensmittelversorgung, die es den Menschen erleichtern, ihr Konsumverhalten zu verändern und sich nachhaltiger zu ernähren.

Die Bedeutung der Strukturen

Auch in einem weiteren Sinn sind Strukturen wichtig für die Verbreitung der Urbanen Agrarökologie: In den Städten braucht es Räume für eine strategische und enge Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlicher Forschung und verschiedenen Akteuren aus der Praxis, wie Personen aus der kommunalen Verwaltung und der Stadtpolitik, Gärtner:innen und Landwirt:innen, Betrieben und Konsument:innen. Sogenannte Reallabore zu spezifischen Themenbereichen der Nachhaltigkeitstransformation wie Wohnen, Mobilität oder Ernährung bieten diversen Akteuren solche Räume, in denen sie gemeinsam die notwendigen Innovationen entwickeln können. Da es bisher im Bereich der Ernährung und urbanen Grün- und Freiräumen kaum solche partizipativen Räume gibt, widmet sich das Technikum dem Aufbau des Reallabors Urbane Agrarökologie.  So wird zum Beispiel der Frage nachgegangen, wie steile, nasse und schattige Wiesen zwischen Waldrand und Siedlungsgebiet in Zukunft genutzt werden könnten. Bisher wurden solche Flächen häufig mit Tieren bewirtschaftet. Mit dem Netto-Null-Ziel, welches die Stadt Zürich verfolgt, steht auch ein Verzicht der Nutztierhaltung auf den städtischen Betrieben zur Debatte. Daher sollen beispielhaft alternative Bewirtschaftungen von Grünflächen und extensiv genutzten Landwirtschaftsflächen für Zürich entwickelt werden, die die nachhaltige Produktion von Lebensmitteln, Biodiversität und Klimaanpassung integrieren. Dazu organisiert das Technikum zusammen mit Grün Stadt Zürich, verschiedenen Akteuren aus Forschung und dem Naturschutz einen partizipativen Prozess, in dem mit der Beteiligung der Bevölkerung ein urbaner Waldgarten entsteht.  Ein wesentliches Ziel des Projektes ist es, der Bevölkerung vielfältige Teilhabemöglichkeiten und neue Erholungsräume zu eröffnen. In einem anderen Fall wurde für eine extensive Weidefläche ein Renaturierungsplan entwickelt, bei dem neben einem Feuchtbiotop auch ein öffentlich zugänglicher Wald-Naschgarten, informativer Lern-Pfad sowie Plätze zum Verweilen entstehen.

 

Mehr als Gemüsebau

Aktuell sind die Flächen, die nach den Prinzipien der urbanen Agrarökologie geplant und dann bewirtschaftet werden und wo somit erste erlebbare Prototypen entstehen, hauptsächlich jene, welche die Gemüsegenossenschaft Meh als Gmües seit Anfang letzten Jahres von der Stadt Zürich pachtet.  Dabei sind die Anforderungen an die Mitarbeitenden hoch: die Community-Gärtner:innen, wie sie bei Meh als Gmües und dem Technikum Urbane Agrarökologie heissen, müssen einerseits agrarökologisch planen und gärtnern können. Mindestens so wichtig ist aber auch das Community-Management, das Anleiten der Freiwilligen und das gemeinsame Finden von Lösungen. Deshalb ist ein Trainingsangebot für Community-Gärtner:innen in Planung, welches die Teilnehmer:innen befähigen soll, Projekte im Einklang mit den Prinzipien der urbanen Agrarökologie zu planen, zu initialisieren und zu bewirtschaften.

Es ist vieles in Bewegung und es entstehen spannende Möglichkeiten für urbane Agrarökologie. Letztes Jahr schrieb die Stadt Zürich mit dem Huebhof den ersten Pachtbetrieb mit dem Kriterium der agrarökologischen Bewirtschaftung ab 2023 aus, eine Neuheit weit über die Landesgrenzen hinaus. Diesen Sommer folgt mit dem Adlisberghof, der ab 2024 agrarökologisch und klimaneutral bewirtschaftet werden soll, schon die zweite Ausschreibung.

Das Technikum Urbane Agrarökologie hat den Bogen gespannt von den konkreten landwirtschaftlichen Herausforderungen zu den Herausforderungen im aktuellen Ernährungssystem. Neue Ideen sind dabei auf jeden Fall willkommen!

  • AutorIn Stephan Tschirren

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