«Wir können auch krumme Rüebli verkaufen»

Die Protestwellen haben den finanziellen Druck vieler landwirtschaftlicher Betriebe in die
Öffentlichkeit gerückt. Thomas Urech und Karin Mengelt, die beide einen vielfältigen, biologischen Betrieb bewirtschaften, erläutern ihren Umgang mit dem Preisdruck und zeigen auf, wie sie von der Direktvermarktung profitieren.

«Unsere Vielfalt an Produkten und Absatzkanälen sorgt für Stabilität und Flexibilität im Verkauf.» Thomas Urech, Foto: Martina Räber

Der Preisdruck in der Landwirtschaft ist hoch. Er manifestiert sich unter anderem in langen Arbeitszeiten und tiefen Löhnen: Für landwirtschaftliche Angestellte ist eine Wochenarbeitszeit von 55 Stunden bei einem branchenüblichen Mindestlohn von 15 Franken pro Stunde verbreitet. Für bessere Preise setzen Thomas Urech und Karin Mengelt, beide im Vorstand der Kleinbauern-Vereinigung, auf Direktvermarktung. Dadurch fällt die Marge des Grosshandels weg. Sie verdienen mehr am Produkt und haben in der Preisbildung mehr Handlungsspielraum. Gleichzeitig kommen durch die selbstständige Vermarktung neue Tätigkeiten dazu. Mehr Aufwand, aber auch eine bereichernde Abwechslung zur Arbeit auf dem Feld.

Höhere Einnahmen dank Ökologie und Direktvermarktung

Thomas beim Packen der Taschen für die Gemüseabos. Foto: Martina Räber

Thomas bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Partnerin Martina Räber und einem Angestellten den Hof «Gmüeser» in Hallwil (AG). Sie sind von Bio, Demeter und ProSpecieRara zertifiziert und vermarkten alle Produkte direkt. Das Gemüse wird über Abos, am Wochenmarkt und im Hofladen verkauft. Restaurants nehmen ihnen Gemüse und Wildobst ab. Fürs Obst gibt es ausserdem Baumpatenschaften. Schnittblumen pflückt die Kundschaft selbst und Rindfleisch wird in Mischpaketen direkt vermarktet. «Unsere Vielfalt an Produkten und Absatzkanälen sorgt für Stabilität und Flexibilität im Verkauf», meint Thomas. Er ist in engem Kontakt mit seinem Netz aus Abnehmenden und kann dadurch Überschüsse besser absetzen: So ist ein Restaurant auch mal bereit, mehr vom überschüssigen Gemüse zu verarbeiten. Ein Vorteil der Direktvermarktung sind die tieferen Verluste, weil Qualität wichtiger ist als Grösse und Form. Dies betont auch Karin, Betriebsleiterin vom Hof Hungerbühl in Pfyn (TG): «Wir können auch krumme Rüebli verkaufen.» Auch sie bewirtschaftet einen vielfältigen, biologischen Betrieb: Gemüse, Kiwis und Obstbäume liefern eine reiche Produktpalette für den Hofladen. Dieser macht zusammen mit dem Verkauf auf dem Wochenmarkt fast drei Viertel des Einkommens aus. Ihre Ackerkulturen – Dinkel, Emmer und Leinsamen – gibt sie in den Biohandel. Zudem beliefert sie eine Bäckerin mit Dinkelmehl. Diese bezahlt gern einen höheren Preis für hochwertiges Mehl aus der Region.

Wer macht den Preis?

Angefangen hat sie mit einem einzelnen Kühlschrank. Heute betreibt Karin Mengelt einen gut besuchten Hofladen. Foto: Bigna Mengelt

Bessere Preise sind also möglich – wenn die Kundschaft einen Mehrwert sieht. Bei Karin und Thomas erhalten Kundinnen und Kunden hochwertige, biologische Lebensmittel, die geschmackvoller und länger haltbar sind. Durch den persönlichen Austausch mit Thomas und Karin wissen sie, woher ihr Essen kommt. Trotzdem ist der Handlungsspielraum bei der Preisbildung begrenzt. Am Wochenmarkt spürt Thomas an der Kundschaft, wie seine Preise im Verhältnis zum Marktpreis liegen: Ist sein Preis höher, kaufen sie bei der Konkurrenz ein, ist er tiefer, ist der Salat schnell ausverkauft. Höhere Preise sind dann möglich, wenn er ein einzigartiges Produkt anbieten kann. Die Gemüseabos zum jährlichen Pauschalpreis bieten mehr Flexibilität: Ihr Inhalt wird aus dem zusammengestellt, was da ist. So werden Ernteausfälle und Überschüsse abgefedert und sichergestellt, dass der Preis im richtigen Verhältnis zum Aufwand steht. Als Orientierungshilfe zur Preisbildung publizieren Branchenverbände wöchentlich Richtpreise für die Direktvermarktung. Diese sollen die aktuelle Marktlage abbilden und die Preise stabilisieren. Jede Woche die Preise anpassen mögen Thomas und Karin aber nicht. Sie richten  sich nach den jährlichen Richtpreisen von Bio Suisse und passen bei Bedarf den Preis einzelner Produkte an.

Lohn – eine Frage von Aufwand und Ertrag

Sprechen wir in der Landwirtschaft von Preisen, geht es auch um Löhne. Für Betriebsleitende ist der Lohn das, was übrigbleibt, wenn alle Aufwände von den Erträgen abgezogen sind. Es gibt viele Strategien, um Aufwände zu reduzieren. Auf dem kleinen Betrieb von Thomas ersparen sie sich durch viel Handarbeit hohe Anschaffungs- und Unterhaltskosten sowie den Diesel für Maschinen. Für Thomas ist es eine Erleichterung, keine Schulden aus grossen Investitionen abbezahlen zu müssen. Ein erheblicher Posten sind bei beiden Betrieben die Löhne ihrer Angestellten. Bei Karin machen sie einen Drittel aller Ausgaben aus. Karin hat drei Angestellte, die zusammen auf etwas mehr als 150 Stellenprozent kommen. Beide wollen ihren Angestellten möglichst gute Arbeitsbedingungen bieten. So stellen sie ihre Angestellten das ganze Jahr über an, obwohl im Winter deutlich weniger Arbeit anfällt, bieten eine bessere Entlöhnung als der branchenübliche Mindestlohn und haben die Wochenarbeitszeit reduziert. «Bei uns sind 100 % 50 Stunden pro Woche statt der in der Landwirtschaft üblichen 55 Stunden. Die Arbeit ist anstrengend und ich möchte meine Angestellten nicht überlasten», sagt Karin. Ihre eigenen Arbeitsstunden schreiben Karin und Thomas aber gar nicht erst auf.

Karins Hofladen ist liebevoll gestaltet und bietet ein inspirierendes Einkaufserlebnis. Foto: Karin Mengelt

Standhaftigkeit trotz tiefem Lohn

Obwohl ihre Höfe finanziell gut funktionieren, generiert die ganze Arbeit gerade so ein Einkommen. Auf dem Hof Hungerbühl hilft das zusätzliche Einkommen von Karins Partner, die Hypothek durch den ausserfamiliären Hofkauf schneller abzubezahlen. Das gibt zusätzliche Stabilität, obwohl der Betrieb finanziell eigenständig funktioniert. Beim «Gmüeser» bringen ergänzende Tätigkeiten einen Zusatzverdienst. Dieses Jahr schreiben Thomas und Martina eine Serie im Magazin «Schweizer Garten». «Wir sind quer in die Landwirtschaft eingestiegen und haben vorher studiert. Wenn es nicht funktioniert, können wir wieder etwas anderes machen», beschreibt Thomas sein Sicherheitsnetz – obwohl er seinen Beruf leidenschaftlich gerne ausübe. «Ich bin Bauer geworden, weil ich mich in diesem Beruf frei fühle». Auch Karin ist begeisterte Landwirtin: «Ich geniesse die selbstständige Arbeit draussen an der frischen Luft.» «S’Buure» ist nicht nur ein Beruf, es ermöglicht einen Lebensstil. Trotzdem – sowohl Karin als auch Thomas arbeiten viel und auch dann, wenn andere am Wochenende in der Badi ausspannen.

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 2/2024. Autorin: Anina Frei

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