Weniger Poulet, dafür aus tiergerechter Haltung

Von Jahr zu Jahr wird in der Schweiz mehr Poulet gegessen, auch immer mehr Poulet aus einheimischer Produktion. Dies ermöglicht einerseits neue Perspektiven für Landwirte, verschlingt jedoch auch wertvolles Kulturland. Wohin soll die Entwicklung gehen?

Der Emmentaler Andreas Jakob vom Biohof Ilfis ist vor drei Jahren in die Pouletmast eingestiegen. Eigentlich habe er schon länger damit geliebäugelt, erzählt er. «Vom Tierwohl her ist es eine ‘gfreute’ Sache, was für mich einer der Hauptgründe für den Einstieg war», erklärt Jakob. Dass die Pouletmast von der Nährstoffbilanz her gut zum Betrieb passt, sei ein weiterer Grund. Die mobilen Ställe integrierten sich zudem gut in die Fruchtfolge. Auf der Fläche werden nach der Mast Saatkartoffeln gepflanzt. Andreas Jakob produziert Poulet in sechs mobilen Ställen à 500 Tiere am Dorfrand von Langnau. «Ich habe mit zwei begonnen, weil ich zuerst ausprobieren musste, ob mir das überhaupt liegt», begründet er. Die Tiere nach elf Wochen alle auf einmal in den Schlachthof zu geben, sei schon nicht so einfach. «Ich will jedoch als Bauer produzieren und stehe nun voll dahinter», freut er sich.

Weniger intensiv, dafür mehr Futter

Andreas Jakob klopft an die Stalltür, tritt ein und sagt: «Hallo zäme, wie geits?». Im Stall herrscht reger Betrieb, aber ohne Unruhe. Er begibt sich zu einem Futtergefäss und schüttelt. «Jetzt kommen bestimmt viele fressen», kommentiert er. Es mache ihm Freude, wenn sie schön im Gefieder seien und sich gut entwickeln. Man merkt, dass er das Verhalten seiner Masthühner kennt. Einige legen sich an die Sonne, die durch die offene Türe in den Stall scheint. Andere ruhen sich auf den Sitzstangen aus oder sind draussen auf der Weide. «Sie fressen auch viel Gras», erklärt er. Dazu kommen Mastfutter und Getreidekörner. Für die Mast von 1000 Hühnern benötige er zirka sechs Tonnen Futter. «Ich überlege mir, die Getreidekörner in Zukunft selber zu produzieren », ergänzt der 38-jährige Meisterlandwirt zum Thema Futterherkunft. In der Bio- und Freilandhaltung sind keine hochintensiven Hybriden zugelassen, weil diese den Auslauf gar nicht nutzen könnten. Dafür sind die weniger intensiven Rassen auch die schlechteren Futterverwerter – brauchen also mehr Futter.

Weide – keine Selbstverständlichkeit

Zugang zu einer Weide wie auf dem Biohof Ilfis hat in der Schweiz nur jedes 15. Masthuhn. Die Allermeisten erhalten Zugang zu einem sogenannten Aussenklimabereich, der ab dem 21. Lebenstag zugänglich sein muss. Betrachtet man jedoch das kurze Leben eines intensiv gemästeten Huhns von 35 bis 40 Tagen, ist das Tier vor allem drinnen, wenn es kalt ist, sowieso. Die ersten drei Wochen sind die Küken auch bei Jakob drinnen im Aufzuchtstall. Erst danach zügeln sie in die mobilen Ställe. Fast 60 Millionen Masthühner werden in der Schweiz jährlich geschlachtet. In den letzten zehn Jahren hat der Geflügelkonsum pro Kopf in der Schweiz von 8 auf 12 Kilogramm zugenommen. Geflügelfleisch hat Rindfleisch verdrängt und liegt hinter Schweinefleisch an zweiter Stelle. Mitte der Achtzigerjahre standen noch für 2,3 Millionen Mastpoulets Plätze zur Verfügung, 2016 waren es bereits für 6,9 Millionen Tiere. Heute produzieren zirka 1’000 Schweizer Betriebe Poulets, davon sind zirka 60 Biobetriebe. Die meisten Betriebe halten zwischen 4’000 bis 8’000 Masthühner. Fast die Hälfte der Masthühner lebt in Hallen mit 12’000 oder mehr Tieren. Eine kleine Minderheit der Betriebe produziert Pouletfleisch in Ställen mit weniger als 500 Mastplätzen. In der EU sind Betriebe mit mehreren 100’000 Tieren keine Seltenheit.

Vielfalt schützt vor Unvorhergesehenem

Neben dem Geflügelfleisch produziert Biobauer Jakob silofreie Milch für die nah gelegene Emmentaler-Käserei. Dazu kommen über hundert Hochstammbäume. Ein vielfältiger Betrieb ist ihm wichtig, denn da könne auch mal in einem Bereich etwas nicht so gut laufen. Aber die Vielfalt ist auch sehr aufwändig. «Der Arbeitsaufwand für die Masthühner – z.B. für Kontrollgänge, Futter richten, Weiden umzäunen oder die Räuberkontrolle – darf man nicht unterschätzen», betont er. Er habe das Glück, dass sein Vater viel helfe. Zudem habe er seit kurzem einen Mitarbeiter und seine Partnerin sei flexibel und springe auch ab und zu ein. «Im Moment läuft es gut, so wie es ist. Was nicht heisst, dass es auch in zehn Jahren noch so ist.» Allgemein müsse man in der Landwirtschaft etwas umdenken, flexibler sein. Das gehe natürlich mit einer Investition wie seiner. Die kleinen Mastställe sind mit eigenen Mitteln finanziert und nach zehn Jahren abgeschrieben.

Der grosse Boom ist etwas vorbei

Auch wenn der Pouletverzehr in der Schweiz einen Höchststand erreicht hat, ist der Verzehr im internationalen Vergleich noch tief. Ein EU-Bürger verzehrt mit 23,5kg durchschnittlich sogar doppelt so viel Geflügelfleisch wie ein Schweizer. Die Amerikaner noch mehr. Wie weit wird die Entwicklung in der Schweiz wohl noch gehen? Dazu Ruedi Zweifel, Direktor Aviforum, einer Stiftung zur Förderung der Schweizer Geflügelproduktion und -haltung mit Sitz in Zollikofen BE: «Die Boomjahre der konventionellen Schweizer Pouletproduktion sind etwas vorbei.» Momentan finde eine Konsolidierung der Wachstumsphase statt, präzisiert er. Er ist jedoch davon überzeugt, dass die Nachfrage nach Pouletfleisch weiterhin steigen wird. «Ein Einstieg in die Pouletmast bietet einem Landwirtschaftsbetrieb einen Weg in die Zukunft», erklärt Ruedi Zweifel. Die grössere Nachfrage nach Pouletfleisch bietet zwar eine neue Einnahmequelle, verschlingt andererseits auch immer mehr Kulturland. «Das ist natürlich eine Frage der Optik. Entweder wir produzieren in der Schweiz oder importieren das Poulet», lautet Zweifels Antwort. Die Inlandversorgung beträgt momentan 57 Prozent.

Weniger Poulet, dafür aus tiergerechter Haltung

Die Kleinbauern-Vereinigung unterstützt Betriebe mit einem gesunden Gleichgewicht zwischen bodenabhängiger und bodenunabhängiger Produktion, wie jener von Andreas Jakob mit mobilen Mastställen, die sich in den Betrieb integrieren und bei Bedarf auch einfach rückgängig gemacht werden können. Die Futterbereitstellung – auch Jakob bezieht das Futter von einer Mühle – ist jedoch ein Thema, das diskutiert werden muss. Der ganze Bedarf an Geflügelfleisch mit kleinen, mobilen tiergerechten Ställen zu decken, ist jedoch illusorisch. Das hätte Tausende solcher Ställe zur Folge. Ganz zu schweigen, wenn wir in der Schweiz in Zukunft so viel Poulet essen wollen wie der Rest der Welt. Das Motto lautet deshalb: Lieber weniger Pouletfleisch, dafür aus tierfreundlicher Haltung. Dann lässt es sich mit gutem Gewissen geniessen, auch aus Sicht eines vernünftigen Umgangs mit dem Kulturland.

Den Boden nicht aufs Spiel setzen

Die Kleinbauern-Vereinigung begrüsst, dass sich Betriebe weiterentwickeln können. Ein gewisser Zielkonflikt zwischen Weiterentwicklung und Kulturlandschutz ist unausweichlich. Die Geflügelproduktion liefert das beste Beispiel dazu. Eine zukunftsgerichtete, resiliente Landwirtschaft muss jedoch ebenso ihren Teil zum Kulturlandschutz beitragen. Eine betriebliche Weiterentwicklung soll deshalb nicht auf Biegen und Brechen, sondern in einem gesunden Mass und im Sinne einer ressourcenschonenden Landwirtschaft passieren.

Revision der Raumplanungsverordnung ungenügend

Ausserhalb der Bauzonen hat die Gebäude- und Verkehrsfläche seit Mitte der Achtzigerjahre prozentual gleich stark zugenommen wie innerhalb des Baugebiets. Das Gebäudevolumen ist um einen Drittel gewachsen. Masthallen sind wesentlich mitverantwortlich für diese Entwicklung. Eine Revision des Raumplanungsgesetzes ist deshalb dringend notwendig, die vorgeschlagenen Änderungen sind jedoch viel zu lasch.

  • Autorin: Franziska Schwab

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