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Generationenwechsel als Chance sehen

Die Landwirtschaft ist eine Schlüsselbranche für die Zukunft unseres Planeten. Um die dringend notwendige Transformation des Ernährungssystems zu schaffen, benötigen wir die Motivation und das Know-how aller. Was braucht es, damit die bäuerliche Welt für alle interessierten Menschen attraktiv und zugänglich ist?

Auf dem Podium zum Thema «Biodiversität, Strukturvielfalt und Zugang zu Land»: Marcel Liner, Michael Gysi, Marina Bolzli (Moderation), Niculin Töndury und Séverine Curiger. Photos: Anne Berger

Dass diese Frage die nächste Generation bewegt, zeigte sich am Publikum der Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Tage der Agrarökologie im Oktober, welche die Kleinbauern-Vereinigung organisiert hat. Die Teilnehmenden waren mehrheitlich jung. Auf dem Podium sassen vier Personen, die sich in der Landwirtschaft und mit Fragen der Hofübergabe auskennen: Séverine Curiger, Landwirtin auf dem Hof Gravas (GR), den sie ausserfamiliär übernommen hat, und Mitbegründerin der Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe. Michael Gysi, Vorsteher des Amts für Landwirtschaft und Natur im Kanton Bern. Marcel Liner, Verantwortlicher Agrarpolitik bei Pro Natura. Und Niculin Töndury, Betriebsbauer auf dem Radieslihof in Worb (BE), einer solidarischen Landwirtschaftsinitiative. Der Diskussionsabend wurde in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Nachhaltigkeit im Dock8 in Bern realisiert und von Marina Bolzli von der «Hauptstadt» moderiert.

Schlüsselmoment Hofübergabe

Zwei Punkte wurden klar im Verlaufe des Abends: Der Generationenwechsel ist sowohl ein kritischer Moment wie auch eine Chance. Kritisch einerseits, weil bei fehlender innerfamiliärer Hofnachfolge allzu häufig Betriebe aufgegeben werden. Mehrheitlich nicht aus Profitgier der Hofabgebenden oder ihrer Nachkommen. Wer seinen Hof weitergibt, muss mit dem Erlös oft seine Altersvorsorge finanzieren oder ist gezwungen, ein neues Zuhause zu finden. Kritisch andererseits, weil der Generationenwechsel immer zwei Seiten hat: Es braucht auch junge Menschen, welche die Verantwortung und die finanzielle Last eines Hofkaufes tragen wollen und können. Der nächsten Generation fehlt für den Landerwerb bei den heutigen Preisen häufig das nötige Eigenkapital, und sie müssen hohe Kredite aufnehmen. Der Generationenwechsel bietet aber auch Chancen. «Eine Studie von Agroscope zeigt: In den nächsten 15 Jahren wird viel passieren in der Schweizer Landwirtschaft. Die Hälfte der aktuellen Betriebsleitenden wird pensioniert», sagte Marcel Liner. «Könnten wir diesen Übergang nicht zur ökologischen und sozialen Transformation der Schweizer Agrarpolitik nutzen?»

Seine Idee, die er in einer Studie für Pro Natura (Beiträge zum Naturschutz in der Schweiz, Nr. 38/2022) skizziert hat: Die Hofübergabe als Moment nutzen, um ökologisch notwendige Anpassungen auf einzelbetrieblicher Ebene umzusetzen. Ein spannender Gedanke, fand Séverine Curiger, gab aber zu bedenken: «Gerade bei einer ausserfamiliären Hofübergabe kennt man den Hof am Anfang oft noch nicht. Wir brauchten mindestens zwei Jahre, bis wir ein Gefühl für den Betrieb entwickelt hatten. Es bräuchte also eine flexible zeitliche Handhabung für die Umsetzung.» Und Michael Gysi ergänzte: «Die Hofübergabe kann Anlass sein, sich zu überlegen, wie man den Betrieb ausrichtet. Der Übergang per se ist jedoch kein Garant für Ökologisierung. Die ökonomischen und politischen Anreize müssen richtig gesetzt sein.» Das heisst Direktzahlungen und Anreize, die diese Stossrichtung unterstützen, wie es auch die Studie von Marcel Liner vorschlägt.

Veraltetes Bild von Landwirtschaft

Das Bundesgesetz über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB) schützt den landwirtschaftlichen Boden vor Zerstückelung und Spekulation. Eine wichtige Funktion und ein Grund, weshalb alle Beteiligten gegenüber Änderungen sehr zurückhaltend sind. Doch das BGBB schützt nicht nur den Boden und stärkt die Selbstbewirtschaftenden, sondern auch ein antiquiertes Bild einer bäuerlichen Welt. Die Hofübergabe infolge eines Generationenwechsels innerhalb der Familie ist im BGBB gut geregelt. «Dass der Familienbetrieb im Bäuerlichen Bodenrecht favorisiert wird, ist politisch gewollt. Die finanziellen Anreize sind so gesetzt, dass die innerfamiliäre Hofübergabe begünstig wird», erklärte Michael Gysi. «Es ist altbacken zu denken, in dieser Branche muss es immer in der Familie weitergehen», fand Séverine Curiger. «Denn es ist schade für die Landwirtschaft, wenn jemand übernimmt, der eigentlich nicht will. Die ausserfamiliäre Hofübergabe muss vom Bund mitgetragen und gefördert werden, z.B. mit einer doppelten Starthilfe für junge Leute, die nicht zum Ertragswert übernehmen können.» Ein weiterer Punkt ist die Unterstützung alternativer Betriebsmodelle. «Unser Hof ist jetzt im Besitz einer GmbH, diese legt dem Verein Rechenschaft ab. Der Verein wiederum ist als Genossenschaft organisiert», erklärte Niculin Töndury die rechtliche Situation des Radiesli. «Eigentlich wäre es auch schon ein Schritt, dass es für Gemeinschaften möglich wird, einen Hof zu kaufen, wenn es für Einzelpersonen zu teuer ist.»

Soziale und gesellschaftliche Aspekte von Vielfalt

Es braucht also Bereitschaft für Änderung. Dies hat nicht nur mit finanzieller Unterstützung zu tun, sondern auch mit Offenheit. Forschung, Bildung und Beratung sind ebenfalls wichtige Faktoren. Etliche Landwirtinnen, die ihren Betrieb aufgeben wollen, sind sich der grossen Nachfrage bei jungen, hochmotivierten und gut gebildeten Menschen gar nicht bewusst. «Viele Bauern, die vor der Pensionierung stehen, haben zudem das Gefühl, sie hätten einen Auslaufbetrieb und investieren nicht mehr. Sie denken, nur über Grösse hätten Betriebe eine Existenzberechtigung und lasse sich Einkommen generieren. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Man kann auch über Diversifizierung Einkommen generieren», sagte Séverine Curiger.

Weshalb es wichtig ist, existenzfähige Betriebe in ihrer Gesamtheit zu erhalten, zeigt eine Entwicklung in der Berglandwirtschaft. Viele Betriebe schaffen es nicht mehr, ihre grossen Flächen selbst zu bewirtschaften. Sie stellen zu Spitzenzeiten Externe an, die ihren Lebensmittelpunkt jedoch anderswo haben. Der Trend von vielen kleinen zu wenigen grösseren Betrieben hat handfeste gesellschaftliche und soziale Auswirkungen in den Bergdörfern: Es fehlen Leute, die sich in den Gemeinden engagieren. Einen neuen Ansatz könnten auch hier alternative Betriebsmodelle bieten, wie Niculin Töndury erzählte: Beispielsweise die 2021 gegründete Bergsolawi in der Surselva mit ihrer verpflichtenden und auf Kontinuität ausgerichteten Zusammenarbeit zwischen Produzentinnen und Konsumenten.

Perspektiven schaffen

Für ein resilientes Landwirtschaftssystem braucht es nebst Vielfalt auf dem Feld und an Betrieben auch Vielfalt an Ideen und Konzepten. Marcel Liner formulierte es zum Schluss der Diskussion so: «Als Gesellschaft haben wir eine Verantwortung. Wirmüssen allen jungen Leuten die Möglichkeit geben, in der Landwirtschaftzu arbeiten – auch Quereinsteiger:innen. Niemand darf von vornherein ausgeschlossen werden.»

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 4/2022. Autorin: Annemarie Raemy

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