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Wo Ernährung und Wohnen Hand in Hand gehen

Das Ökoquartier «Les Vergers» besteht aus über 1300 Wohnungen. Aber nicht nur das. Die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner waren an der Gestaltung ihres Lebensraums mit Gemeinschaftsgärten, Landwirtschafts- und Wohngenossenschaften und solidarischen Aktivitäten selbst beteiligt.

Meyrin ist die erste Satellitenstadt der Schweiz, die nach den städtebaulichen Ideen von Le Corbusier gebaut wurde, um in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts Wohnraum vor den Toren des überfüllten Genf zu schaffen. Neben der betonierten Landebahn aus dem Jahr 1937, der Entwicklung des Flughafens Genf-Cointrin und der Gründung des CERN (Europäische Organisation für Nuklearforschung) in den 1950er-Jahren ist die Gemeinde grundsätzlich landwirtschaftlich geprägt. Die Gesamtbevölkerung nahm in den 1960er-Jahren von 3000 auf 20 000 in den 1980er-Jahren stark zu, wobei die Hälfte der Menschen ausländischer Staatsangehörigkeit waren. Dann verlangsamte sich das Wachstum, und heute zählt Meyrin rund 26 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Allerdings bekam es den Ruf eines anonymen Vororts aus «Kaninchenställen» mit hoher Jugendkriminalität. In der Folge organisierte sich die Bevölkerung ab den 1990er-Jahren in Gemeinschaften, um ihrem Wohnumfeld Leben einzuhauchen, Netzwerke zu schaffen und Solidarität zu schaffen.

In den Jahren nach der Jahrtausendwende wurde die Vision eines Ökoquartiers geboren, das als Beispiel dienen sollte: auf einem Gelände von 16 Hektaren, welches zu 47 % im Besitz der Stadt Meyrin (GE) ist. Der Rest gehört sechs landwirtschaftlichen Privateigentümern. Durch eine Umzonung und einen örtlichen Quartierplan, die 2006 vom Kanton Genf und Meyrin genehmigt wurden, konnte dieses Projekt gestartet werden, das auf den drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung beruht: ökologische Verantwortung, soziale Solidarität und wirtschaftliche Effizienz. Sogenannte Gemeinschaftskooperativen treiben die Umsetzung weiter voran.

Seinen Lebensraum und den Lebensmittelkreislauf gestalten

Claire-Lise engagierte sich in einem Projekt einer solchen Gemeinschaftskooperative. Es sollte eine lebendige, generationenübergreifende Gemeinschaft entstehen, die über das blosse Wohnen hinausgeht. Ein Gasthaus, das sich auf die solidarische Landwirtschaft abstützt, soll als Quartierzentrum « das Zusammenleben zu fördern», erklärt sie. Während eines von der Gemeinde organisierten öffentlichen Forums war vor allem das Thema Nahrungsmittelversorgung zur Sprache gekommen. Da kein Detailhändler daran interessiert war, im Quartier eine Filiale zu eröffnen, entwarf eine Arbeitsgruppe einen bäuerlichen, partizipativen Quartierladen, der nicht in erster Linie profitabel sein, sondern vor allem den Bedarf so gut wie möglich decken soll. «Viele Menschen wollen besser essen und wünschen sich eine höhere Qualität und eine bessere Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel», bemerkt Claire-Lise, «aber manchmal besteht eine Diskrepanz zwischen den Konsumgewohnheiten und der Ideologie der Bewohnerinnen und Bewohner. Das ist für die konkrete Unterstützung des Quartierladens und des Gasthauses schwierig.»

Vielfalt und Solidarität als Inspirationsquellen

Lysiane ist Mitglied einer anderen Kooperative und hat sich ebenfalls an der Gestaltung ihres zukünftigen Wohngebiets beteiligt. Als engagierte Mutter versucht sie, ihr Konsumverhalten mit ihren Grundhaltungen in Einklang zu bringen, aber das ist nicht immer einfach. Es erfordert Anstrengungen und es ist teurer, biologisch und regional einzukaufen. Ihre Familie kann es sich glücklicherweise finanziell leisten und weiss, wie wichtig Solidarität ist: «Wir können uns gegenseitig inspirieren. Die Vielfalt des Quartiers ‹Les Vergers› bietet Lebensqualität und alles, was man braucht, um etwas zu bewegen, wenn man es will. Jeder kann sich beteiligen und etwas verändern.» Hier konnte sie einen gemeinschaftlichen Yoga-Kursraum eröffnen, wo nach der «Zahl so viel, wie du willst»-Methode abgerechnet wird. Ihre Kinder lernen anhand des Gemüses, dass nicht alle Lebensmittel zu jeder Jahreszeit verfügbar sind und dass es wichtig ist, den Teller leer zu essen. Die Solidarität und die Verantwortung aller machen eine Ernährung möglich, die nachhaltig und zudem für alle erschwinglich ist.

Der Kartoffelacker vor dem Hochhaus

Das Essen soll aber nicht nur erschwinglich, sondern aufgrund der geografischen Nähe auch vor Ort verfügbar sein. Parallel zur Gestaltung des Ökoquartiers renovierte die Gemeinde die Ferme de la Planche, ein denkmalgeschütztes Gebäude. Die landwirtschaftliche Genossenschaft bietet landwirtschaftliche, pädagogische und landschaftspflegerische Aktivitäten an und stellt eine Verbindung her zwischen der Landwirtschaft und den Einwohnerinnen und Einwohnern, um den Nahrungsmittelkreislauf «vom Feld auf den Teller» zu fördern. Sie baut Gemüseparzellen im Ökoviertel an und beliefert unter anderem «La Fève», einen bäuerlichen, partizipativen Quartierladen. Auf dem Bauernhof wird der soziale Kontakt mit einem Table d’hôtes, einem Mittagstisch gefördert: Das Essenwird aus den Hofprodukten zubereitet, jede und jeder zahlt einen Betrag nach eigenem Ermessen – wiederum nach dem «Zahl so viel, wie du willst»-Prinzip. Jeden Montag findet ein Wochenmarkt auf dem Hof statt. Hier kauft auch Edith ihr Gemüse, bis nach Hause hat sie es nicht weit. «Ich lebe in diesem Wohnhaus dort», erzählt sie und zeigt auf das Gebäude gegenüber. «Hier einzukaufen, wirkt sich positiv auf die Umwelt aus, da ich kein Transportmittel brauche, und es hilft den Kleinbauern.» Von ihrem Fenster aus sieht sie, wie das Team pflanzt und erntet und mit dem Esel die frischen Produkte in der Nachbarschaft geliefert werden. Dies schafft eine Dynamik in der Nachbarschaft und echte Lebensqualität – und Vertrauen. Ihre Mutter hatte früher immer gesagt, man könne sich nur dessen sicher sein, was man mit eigenen Händen hergestellt hat. Hier kann sie die Hände derer beobachten, die für sie produzieren.

Als Konsument:in Verantwortung übernehmen

Ophélie kauft bei «La Fève», einen bäuerlichen, partizipativen Quartierladen, ein und hat einen Korb einer anderen Genfer Gemüsegenossenschaft abonniert. Dieser Entscheid ist ein starkes Zeichen und zeigt den Wunsch, dass das, was gepredigt wird, mit dem eigenen Handeln in Einklang stehen soll. Zwar haben diese Produkte ihren Preis, aber Ophélie ist der Meinung, dass dies durch das Vertrauen in die Produkte und die Lebensmittelkette, an der sie beteiligt ist, mehr als ausgeglichen wird.

Julia lebt im Stadtzentrum von Genf und arbeitet als teilnehmendes Mitglied 2 Stunden und 15 Minuten pro Monat bei «La Fève». Sie ist überzeugt, dass es dringend notwendig ist, mehr darüber zu erfahren, was unsere Bäuerinnen und Bauern auf den Teller bringen. Die Verbindung zu den Produzent:innen ist ein wesentlicher Punkt. «Die Politik ist aus dem Gleichgewicht geraten und nicht mehr glaubwürdig. Wir sind hier stolz auf unsere Werte und unser Handeln.» Das Engagement in diesem gemeinschaftlichen Projekt, ist ihr Beitrag als Bürgerin, der ihr hilft, nicht die Orientierung zu verlieren.

 

Im Jahr 2022 wurde Meyrin mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet, weil es «auf beispielhafte Weise gezeigt hat, wie man durch den Dialog die Vielfalt zu seinem Vorteil nutzen kann. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben es geschafft, die Wünsche der Menschen mit den Anforderungen der Natur in Einklang zu bringen und eine hochwertige Wohnkultur zu schaffen, die mehr biologische Vielfalt für alle mit sich bringt.» Dieses umfangreiche Programm ist ein Abenteuer, das sich durch die Teilnahme jedes und jeder Einzelnen auf dem jeweils entsprechenden Niveau weiterentwickelt.

  • AutorIn Anne Berger

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