Gårdsbesøk – Hofbesuch auf Øfsti søndre

NORGE BLOGG #5 // Es ist Winter hier im Norden, die Arbeiten auf den Feldern ruhen. Nur die Tiere wollen weiter versorgt werden, und natürlich gibt es immer etwas zu tun auf einem Bauernbetrieb – vor allem, wenn man so vielfältig unterwegs ist wie Marit Lianes und Arne Stene vom Hof Øfsti søndre. Trotzdem haben sie sich Zeit genommen, mit mir über ihr Leben als Kleinbäuer:innen zu sprechen. Geschichte von einem Hofbesuch in Norwegen.


Marit Lianes und Arne Stene sind Kleinbauern in Norwegen. Sie setzen auf ihrem Hof in der Nähe von Trondheim auf Vielfalt – bei den Tieren, den Betriebszweigen und der Vermarktung. Fotos: Annemarie Raemy, 2023

 

Die Zeitangaben haben sich vereinfacht hier im Norden, nun, da die Nächte immer länger dauern. «Komm, wenn es hell ist», schreibt mir Marit. Das heisst Ende November in Trondheim: gegen 10 Uhr morgens. Die Fahrt von unserem Zuhause hier dauert eine knappe Stunde. Der Hof Øfsti søndre liegt östlich der Stadt, in einem flachen Tal durch den der Stjørdalselva fliesst und in dem wohl bereits seit 1500 Jahren Ackerbau betrieben wird, vermutet Arne. Im Familienbesitz ist er seit 1929. Arne hat ihn von seinen Eltern Anne Berit und Ragnar übernommen, er besitzt ihn heute zusammen mit seiner Frau. Der Betrieb umfasst 30 ha Ackerland und 70 ha Wald resp. Moorland, dazu kommen 50 ha gepachtetes Ackerland von benachbarten Höfen.

Alte norwegische Tierrassen

Der Hof von Marit und Arne liegt im Schatten an diesem Morgen. Die Sonne schafft es seit Ende Oktober nicht mehr über den Hügel. Es ist klirrend kalt und es herrscht diese spezielle Stille, die Landschaften in der Winterruhe eigen ist. Arne zeigt mir den Hof, währen Marit Kaffee kocht – die beiden wissen, dass wir den nach dem Hofrundgang in der Kälte brauchen werden. Die 12 Kühe der einheimischen, hornlosen Rasse Trønderfe (Troender und Nordlandrinder) sind auf der Weide. Sie sehen schön aus, mit ihrer ganz unterschiedlichen, schwarz-weissen Zeichnung. «Die Kälte macht ihnen nichts aus», erklärt Arne. «Das einzige Wetter, das sie nicht mögen, ist Regen bei 1 °C. Dann kommen sie gerne in den Laufstall». Die Trønderfe sind eine genügsame Zweinutzungsrasse, Arne hält sie fürs Fleisch.

Auch die 70 Mutterschafe und 10 Ziegen von Arne und Marit sind historische Rassen: Grå trøndersau (graue Trønder-Schafe) resp. Kystgeit (norwegische Küstenziegen). Die Schafrasse war fast verschwunden, nun versuchen Menschen wie Arne, finanziell unterstützt von der Regierung, diese wieder zu vermehren. «Alles Idealisten wie ich», sagt Arne, und lacht. Doch die Schafe geben gute Wolle, die Arne und Marit zu Garn verarbeiten lassen. Ein nicht so einfaches Unterfangen, da sie zuerst eine Spinnerei finden mussten, welche die natürlich gefärbte, norwegische Wolle verarbeitet – sie wird als weniger wertvoll betrachtet, da sie nicht rein weiss ist. Nun lassen sie ihre Wolle in der nahen Selbu Spinneri verarbeiten, die seit 2010 existiert und eng mit Schafhaltern in der Region Nord- und Süd-Trøndelag zusammenarbeitet, die bedrohte norwegische Schafrassen halten.

Green Care Angebote

Sowohl die Schafe und Ziegen als auch die Rinder verbringen den Sommer in der Höhe, auf dem Hügel gleich hinter dem Hof. Arne und Marit haben dort Recht auf Weide und Holzeinschlag auf einem Gemeinschaftsgrundstück. Im Tal wird in dieser Zeit Winterfutter gemacht, auf den Ackerflächen wachsen Futtergerste und Hafer. Der Hof ist in der Umstellung auf ökologischen Landbau. «Weil es die Kundschaft verlangt», erklärt Marit. Sie vermarkten all ihr Fleisches direkt an Kunden und Restaurants in Trondheim. Vor allem letztere würden vermehrt darauf bestehen, dass die Produkte mit dem norwegischen Bio-Label Debio zertifiziert sind. Das Fleisch ist auch im Hofladen zu kaufen, den Marit im ehemaligen Kornspeicher mit viel Liebe eingerichtet hat. In ihrer Stabbursbutikken verkauft sie auch Schaffelle und die Wolle, als Knäuel oder von ihr und ihrer Schwiegermutter verarbeitet zu wunderschönen norwegischen Strickwaren.

Inzwischen hat sich Marit zu uns gesellt. Sie zeigt mir ihr Reich, das vor 17 Jahren im ehemaligen Schweinestall entstanden ist. Dort wohnen nun die Ziegen, Hühner und Fasane. Sie sind Teil des Green Care Angebots (soziale Dienstleistungen auf dem Bauernhof), das sie erfolgreich aufgebaut hat, «und das mehr einbringt als die Landwirtschaft», wie Arne mit einem Augenzwinkern anfügt. Die Arbeiten auf dem Hof und im Garten übernehmen die Schülerinnen und jungen Erwachsenen nach ihren Möglichkeiten. Im umgebauten Tenn wird an fünf Tagen die Woche gewerkelt, gerüstet, gebastelt und mittags gemeinsam gegessen. «Nicht alle sind in den klassischen Institutionen wie Schule oder Heimen wohl», sagt Marit, die ausgebildete Lehrerin ist. «Die Arbeit auf dem Hof und mit den Tieren ist für viele deshalb ein gutes, ergänzendes Angebot.»

Kleinbauern-Leben in Norwegen

Zeit für Kaffee. In der warmen Küche plaudern wir über Agrarpolitik und das Leben auf dem Hof. Ich erzähle von der Schweiz und stelle fest, dass viele Fragen, Sorgen und Herausforderungen der Kleinbäuerinnen und -bauern in den beiden Ländern dieselben sind. «Die zunehmende Bürokratie», sagen sie, als ich sie danach frage, «die steigenden Kosten und der Druck, zu wachsen, das Hofsterben und die Einsamkeit auf den Höfen.» Arne arbeitet nebenbei als Buchhalter und kennt viele persönliche Geschichten. Momentan stellt die obligatorische Umstellung von Anbinde- auf Freilaufstall bis 2034 viele vor finanzielle Hürden. Den Klimawandel spüren sie zwar, sehen ihn aber nicht per se negativ: Dass der Frühling inzwischen 3 Wochen früher kommt, sei schon schön. Der häufig nasse Herbst hingegen erschwere die Getreideernte.

Die Einsamkeit hingegen, sind sich beide einig, ist ein grosses Problem. Höfe sind in Norwegen traditionellerweise und auch heute noch meist in Familienbesitz. Und wie in der Schweiz sind die Bäuerinnen und Bauern oft Einzelkämpferinnen. Es komme vor allem bei alleinstehenden Bauern vor, erzählt Arne, dass sie tagelang mit niemandem sprechen würden, ausser es gebe dafür einen (geschäftlichen) Grund. Für die Frauen sei es einfacher, erzählt Marit, die würden sich eher auf einen Kaffee verabreden und sich austauschen. Sie ist Teil eines Frauennetzwerks, das sich regelmässig trifft, unterstützt und Veranstaltungen auf den Höfen organisiert. Die nächste ist der Julemarked (Weihnachtsmarkt) im Dezember. Auch Øfsti søndre öffnet seine Türen. Wann, frage ich, mit der Absicht, nochmal mit der ganzen Familie bei diesen zwei lieben Menschen vorbeizuschauen.

Zwischen 12 und 16 Uhr, sagt Marit – Wenn es hell ist, eben.

 

Annemarie Raemy lebt und arbeitet mit ihrer Familie von August bis Dezember 2023 in Trondheim. Im «Norge Blogg» berichtet sie während dieser Zeit über Land, Leute und Landwirtschaft in Norwegen. Sie ist Teil des Teams der Geschäftsstelle der Kleinbauern-Vereinigung.

 

  • AutorIn Annemarie Raemy

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