Norsk landbrukspolitikk – Norwegische Agrarpolitik

NORGE BLOGG #4 // Ernährungssicherheit, Erhalt der Landwirtschaft im ganzen Land, Steigerung der Wertschöpfung entlang der gesamten Lebensmittelkette und eine nachhaltige Landwirtschaft mit geringen Treibhausgasemissionen sind die vier Hauptziele der norwegischen Agrarpolitik. In den jährlichen Agrarverhandlungen zwischen den Bauernorganisationen und der Regierung werden Produktpreise, die Höhe der Haushaltsmittel für den Agrarsektor und deren Verteilung ausgemacht.

Schafe auf der Winter- resp. Waldweide in Oppdal Ende Oktober. Die Offenhaltung der Landschaft und die Anerkennung der Bedeutung der Landwirtschaft für die ländliche Entwicklung ist einer der Gründe, weshalb die Landwirtschaft in Norwegen im ganzen Land erhalten wird. Dafür zahlt der Staat viel Geld. Bilder: Annemarie Raemy

 

Ein paar Kennzahlen zu Beginn: Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Norwegen ist in den letzten 30 Jahren um 50 % gesunken – von 99’400 Betrieben im Jahr 1989 auf 39’600 im 2018. Die gesamte landwirtschaftliche Produktion in Norwegen konzentriert sich auf immer weniger, dafür grössere Betriebe, allerdings ohne eine Verringerung des gesamten Produktionsvolumens. Wie in anderen Ländern auch eine Folge von Mechanisierung, Spezialisierung und des zunehmenden Einsatzes von Betriebsmitteln wie Chemikalien, Kunstdünger und Kraftfutter und der (damit einhergehenden) Steigerung der Arbeitsproduktivität. Lag die durchschnittliche Betriebsgrösse 1999 bei 14,7 ha, sind es 2018 24,9 ha. Nach wie vor befinden sich die meisten Höfe in Familienbesitz. Rund 45 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche im Jahr 2018 waren Pachtflächen.

Staatliche Unterstützung notwendig

Auf Grund der geografischen Lage Norwegens ist ein Grossteil der landwirtschaftlichen Tätigkeit ohne staatliche Unterstützung nicht überlebensfähig. Norwegen hat denn auch das höchste Niveau an landwirtschaftlicher Unterstützung aller OECD-Länder – 59 % des Einkommens der Bäuerinnen und Bauern stammen gemäss einer OECD-Länderstudie aus dem Jahr 2021 aus staatlichen Unterstützungsmassnahmen. Der grösste Teil erfolgt durch Marktpreisstützung und produktionsabhängige Zahlungen.

Um die Landwirtschaft in der Fläche zu halten, gleichen die Fördersätze die mit der Topografie und der Betriebsgrösse verbundenen Nachteile aus – so werden beispielsweise die Milchquoten auf die Bezirke verteilt. Auch die Flächenprämien werden nach geografischen Gebieten und der Art der landwirtschaftlichen Erzeugung differenziert. Die Zahlungen für die Erhaltung der Kulturlandschaft sind für das gesamte Land gleich. Um die Landwirtschaft sowohl für kleinere als auch für grössere Betriebe rentabel zu machen, sind Subventionen für Tiere bei den ersten Tieren höher und flachen ab, wenn die Herde wächst. Insgesamt ist die räumliche Differenzierung der finanziellen Unterstützung jedoch nicht so ausgeprägt wie beispielsweise in der Schweiz.

Das norwegische Modell

Vier Säulen bilden das Fundament des norwegischen Agrarmodells und damit den Rahmen für die Agrarpolitik:

GRENZSCHUTZ

Topografie, klimatische Bedingungen, das hohe Kostenniveau und die politische Entscheidung, eine vielfältige Betriebsstruktur und aktive Landwirtinnen und Landwirte im ganzen Land zu erhalten, erklären den Protektionismus in der norwegischen Landwirtschaft. Ohne Grenzschutz wäre die Aufrechterhaltung der norwegischen Agrarproduktion kaum möglich.

RECHTLICHER RAHMEN

Norwegische Bäuerinnen und Bauern sind Eigentümer und Betreiberinnen ihrer Betriebe. Gesetzliche Vorschriften stellen die Nutzung und den Schutz von landwirtschaftlichen Nutzflächen sicher. Ebenfalls ist gesetzlich geregelt, dass die ältesten Nachkommen bei der Veräusserung von Landwirtschaftsbetrieben Vorrang haben. Damit sollen eine langfristige Produktionsplanung und die Beibehaltung der Struktur, in der Landwirte ihr Land besitzen, gewährleistet werden.

JÄHRLICHE AGRARVERHANDLUNGEN

Das Basisabkommen für die Landwirtschaft liefert das Mandat für die jährlichen Agrarverhandlungen zwischen den beiden Bauernverbänden Norges Bondelag (Norwegischer Bauernverband) und Bonde -og Småbrukarlag (Norwegischen Kleinbauernverband) und dem Staat. In dieser Vereinbarung werden die Produktpreise, die Höhe der Haushaltsmittel für den Agrarsektor und die Verteilung dieser Mittel festgelegt. Die verhandelte Vereinbarung wird dem Storting (nationales Parlament) zur Genehmigung vorgelegt.

MARKTREGULIERUNG

In Norwegen sind die Märkte für Milch, Fleisch und Getreide reguliert. Als Marktregulierer fungieren dabei die bäuerlichen Genossenschaften TINE (Milch), Nortura (Fleisch) und Felleskjøp (Getreide). Sie sorgen dafür, die Preise so nahe wie möglich an den im Agrarabkommen ausgehandelten Zielpreisen zu halten. Wenn die Preise ein bestimmtes Niveau überschreiten, wird der Markt für Einfuhren geöffnet. Die erwähnten Genossenschaften sind verpflichtet, die Erzeugnisse aller Landwirte einzusammeln und die Lebensmittelindustrie mit Rohstoffen zu versorgen. Diese Marktstruktur gibt den Landwirten die Sicherheit, dass sie ihre Erzeugnisse zu einem annähernd gleichen Preis verkaufen können – unabhängig von Marktlage, Jahreszeit und Standort des Betriebs.

Ziele teilweise erreicht

Wie die OECD-Länderstudie aufzeigt, erfüllt Norwegen seine vier agrarpolitischen Ziele unterschiedlich: Das Land hat – zumindest in einigen Bereichen – ein hohes Mass an Ernährungssicherheit (1) und erfüllt das Ziel, die landwirtschaftliche Produktion im ganzen Land zu erhalten (2). In den letzten zwei Jahrzehnten konnte eine Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Sektor und ein leichter Rückgang der landwirtschaftlichen Nutzfläche beobachtet werden, während der Stickstoffdüngereinsatz und der Viehbestand stabil geblieben sind. Insgesamt führt dies zu einem überdurchschnittliches Produktivitätswachstum. Die Umweltleistung (3) und die effiziente Wertschöpfung entlang der gesamten Lebensmittelkette (4) werden jedoch durch die Förderpolitik geschwächt. Sie verteuert die Lebensmittel für die Verbraucher und führt zu erhöhten Umweltbelastungen und Emissionen. In Norwegen bildet der Landwirtschaftssektor – wie in der Schweiz – eine Ausnahme in Bezug auf Ziele für oder Steuern auf Treibhausgasemissionen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Norwegen seine ersten beiden Ziele erreicht, allerdings auf Kosten der beiden letztgenannten.

Aktuell wird nach Ansätzen gesucht, wie die staatlichen Unterstützungsmassnahmen vermehrt von der Produktion entkoppelt werden könnten – nicht zuletzt eine Folge des erwähnten OECD-Berichts. Im Vordergrund stehen einerseits die Cross-Compliance, also die Verknüpfung von Fördergeldern mit Auflagen in Bezug auf Produktionstechnik und Umwelt (analog dem ökologischen Leistungsnachweis in der Schweiz). Andererseits sind die norwegischen Bauernverbände interessanterweise am Schweizer Modell interessiert, was die räumliche Differenzierung der Unterstützung betrifft, namentlich am Erschwernisausgleich.

 

Annemarie Raemy lebt und arbeitet mit ihrer Familie von August bis Dezember 2023 in Trondheim. Im «Norge Blogg» berichtet sie während dieser Zeit über Land, Leute und Landwirtschaft in Norwegen. Sie ist Teil des Teams der Geschäftsstelle der Kleinbauern-Vereinigung.

 

  • AutorIn Annemarie Raemy

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