Klimaschutz als Chance? Vier Fragen an Kilian Baumann

Eine vielfältige, ökologische und soziale Landwirtschaft ist das Kernanliegen der Kleinbauern-Vereinigung. Die Kampagne «Bäuerinnen und Bauern fürs Klima» reiht sich in dieses Engagement und unsere langjährige Arbeit für ein Landwirtschafts- und Ernährungssystem ein, das die Ressourcen schont, die Emissionen minimiert und die Lebensgrundlagen auch für künftige Generationen sichert. Weshalb ist das Klimaschutz-Gesetz ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg dorthin? Und welche Rolle spielt die kleinbäuerliche Landwirtschaft bei diesem Systemwechsel?

 

Kilian, weshalb engagiert sich die Kleinbauern-Vereinigung für Klimaschutz?

Wir Bäuerinnen und Bauern sind durch die stetige Zunahme von extremen Wetterereignissen bereits jetzt von der Klimakrise betroffen. Wir müssen nun endlich handeln, um die Erderwärmung möglichst zu begrenzen. Gleichzeitig müssen die Betriebe ihre Produktion an die neuen klimatischen Bedingungen anpassen können, etwa bei der Wahl der angebauten Kulturen und Sorten. Nur so kann die Landwirtschaft weiterhin ihren Beitrag zur Versorgungssicherheit der Schweiz leisten. Zudem möchten wir denjenigen Betrieben eine Stimme und Identifikationsmöglichkeit geben, die sich auf ihren Höfen für Klimaschutz engagieren. Es gibt in der Schweiz nicht «die Landwirtschaft», wie es manchmal den Anschein machen kann. Die Politik wird dem momentan nicht gerecht, bleibt untätig und ignoriert damit das Engagement vieler Betriebe. Umso wichtiger ist es, immer wieder aufzuzeigen, dass es auch unter den Bäuerinnen und Bauern unterschiedliche Ansichten gibt. Viele Betriebe sind sich bewusst, dass der Landwirtschaftssektor Verantwortung übernehmen muss, und handeln bereits heute. Ihnen widmen wir diese Kampagne, sie lassen wir zu Wort kommen.

«Die Politik wird dem Engagement vieler Betriebe nicht gerecht.»
Kilian Baumann, Präsident Kleinbauern-Vereinigung

 

Wir sprechen in unserer Kampagne «Bäuerinnen und Bauern fürs Klima» davon, dass Klimaschutz auch als Chance gesehen werden kann. Gleichzeitig stellt die Klimakrise viele Betriebe vor grosse Herausforderungen. Wie geht das zusammen?

Die Landwirtschaft ist eine der Hauptbetroffenen der Klimakrise, da durch die extremen Wetterereignisse die Produktion zunehmend zur Herausforderung resp. erschwert wird. Gleichzeitig gib es in der Landwirtschaft auch grosses Potenzial und sie kann einen gewichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, etwa durch die Bindung von CO2 in den Böden oder mittels Agroforstsystemen. Auch das Potenzial zur Produktion von Solarstrom ist in der Landwirtschaft besonders gross. Viele Dachflächen auf Landwirtschaftsgebäuden sind für Photovoltaik gut geeignet, werden bisher aber noch nicht genutzt. Viele Bauernbetriebe besitzen zudem Waldflächen. Durch die Reduktion bei den fossilen Energien wird der nachwachsende Rohstoff Holz stark an Wert gewinnen, was die Bewirtschaftung dieser Flächen wieder lukrativer machen wird. So eröffnet die Umstellung unserer Energieversorgung vielen Betrieben auch neue wirtschaftliche Möglichkeiten.

Die (klein)bäuerliche Landwirtschaft wurde im bisherigen, ressourcenintensiven Produktionssystem oft belächelt – zu wenig effizient, zu wenig spezialisiert, nicht ertragreich genug. Welche Rolle nimmt sie in einem klimafreundlichen, nachhaltigen Ernährungssystem ein?

Kleinräumige und vielfältige Strukturen auf und an Bauernhöfen haben nachweislich einen positiven Einfluss auf die Biodiversität. Deren Ökosystemleistungen sind unverzichtbar für die landwirtschaftliche Produktion, insbesondere unter den erschwerten Bedingungen durch die sich zuspitzende Klimakrise. Für eine klima- und umweltfreundliche Produktion braucht es zudem das entsprechende Wissen und genügend Köpfe und Hände in der Landwirtschaft. Unser Fokus liegt deshalb auf dem Zugang zu Land, einer gerechten und sozialen Landwirtschaft, robusten, einheimischen Rassen und Sorten sowie ökologischen, standortangepassten Anbaumethoden. Kleinräumigkeit sowie Vielfalt an und auf den Höfen machen die Landwirtschaft somit allgemein resilienter. Dies ist wichtig in einem zunehmend unsicheren klimatischen Umfeld.

Ist das Klimaschutz-Gesetz, über das wir am 18. Juni abstimmen, ein Schritt in die richtige Richtung?

Ja, absolut. Das Gesetz setzt mit seinen Zielen genau dort an wo es am wichtigsten ist: Gebäude, Mobilität und Industrie. Und es wurde im Gesetz festgehalten, dass die Ausgestaltung sozialverträglich erfolgen muss. Nur so werden breite Kreise der Bevölkerung auch bereit sein, die ergriffenen Massnahmen mitzutragen. Wir müssen die Erderwärmung stoppen und das Klimaschutz-Gesetz wird dabei einen wichtigen Beitrag leisten.

 

Den zweiten Teil des Interviews lesen: Klimafreundliches Ernährungssystem: Zutaten für den Wandel

 

Das Interview führte Annemarie Raemy.
Foto & Video: Silvan Mahler, 2023 für die Kampagne «Bäuerinnen und Bauern fürs Klima»

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