«Ich bleibe lieber im Hintergrund und höre zu»

Es erfüllt sie mit Stolz: Myriam Dupraz-Dange hat auf der Parzelle, die ihr Grossvater bewirtschaftet hatte, wieder mit dem Gemüseanbau begonnen. Das Vorhaben auch langfristig umzusetzen, etwas aus dem Erbe zu machen und gleichzeitig die Bevölkerung zu ernähren, ist aber auch eine Bürde – selbst wenn es ihr noch so am Herzen liegt. Zwar hat sie nie Spott oder Frontalangriffe von männlichen Kollegen erfahren, aber doch scheint sie sich noch nicht so ganz zu trauen, ihren Platz voll auszufüllen.

Die Handarbeit ist mühsam, aber sie lohnt sich für die Gemüsebäuerin, die es liebt, mit ihren kräftigen Händen in der gesunden Erde zu arbeiten

Der «Jardin de Max» befindet sich am Rande eines Wohngebiets der Genfer Peripherie. Auf drei Hektar werden Gemüse, Beeren und einige Halbstamm-Obstbäume angebaut, um wöchentlich rund hundert Körbe mit Biogemüse von Abonnentinnen und Abonnenten zu füllen und Le Nid zu beliefern, einen partizipativen Lebensmittelladen im Herzen von Genf. Dazu kommt die Lieferung bestimmter Gemüsesorten an den Verein Affaire TourneRêve und der Betrieb eines kleinen Marktstands in der Nachbargemeinde. Und Max? Nein, das ist nicht der aktuelle Betreiber. Doch früher hatte Max hier tatsächlich geschuftet, um auf diesem Stück Land Gemüse anzubauen, während seine Frau sich um die dreizehn Kinder kümmerte. Nur übernahm keines von ihnen den Betrieb. Die landwirtschaftliche Nutzung musste also eine Generation überspringen, bis schliesslich Enkelin Myriam Dupraz-Dange den Mut – den Wahnsinn? – aufbrachte, diese Parzelle wieder zu bewirtschaften.

Drei Ehrenrunden, um zurückzufinden …

Nachhaltig: Recycling und DIY, um den Rücken zu schonen

Nach einem Versuch am Gymnasium beginnt Myriam die Ausbildung in Gartenbau in Lullier (GE). In der Schule sind junge Frauen zwar in grosser Zahl vertreten, aber dennoch erlauben sich die Lehrer, sie auf eine etwas andere Art anzusprechen als die jungen Männer – grundlos. Myriam ignoriert es: «Ich habe den Gemüse- und Obstanbau schon immer geliebt, weil man sich von dem ernähren kann, was man produziert», erklärt sie, «das ist edel.» Im Hinterkopf behalten hat sie auch das Wissen um ein Stück landwirtschaftliche Nutzfläche im Familienbesitz. Aber erst einmal will sie ein paar Erfahrungen sammeln. Mit dem Diplom in der Tasche fliegt sie nach Kanada, wo sie zwei Saisons lang Gemüsebau auf einem Betrieb im amerikanischen Massstab betreibt. Die Arbeit ist genauso intensiv wie die landwirtschaftliche Produktion, aber auch die sich anhäufenden Stunden schrecken sie nicht ab. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz versucht sie sich in Lausanne als Blumenzüchterin. Doch angestellt zu sein mit festen Arbeitszeiten, unabhängig vom Zustand der Pflanzen oder den anstehenden Aufgaben, gefällt ihr gar nicht. Ein Praktikum in den Jardins des Charrotons zeigt ihr schliesslich eine andere Facette des Gemüsebaus. Es handelt sich um eine Solidargemeinschaft aus Verbraucherinnen und Verbrauchern und Produzentinnen und Produzenten, die jährlich etwa 6500 Körbe produziert. Nach zehn Jahren dann das Aus: Das Gebiet mit seinen fruchtbaren Böden wird umgezont für die Erstellung von Betonbauten. Dabei hat ihr diese andere Art der Landnutzung gefallen. Sie merkt, dass man nicht 60 Stunden pro Woche arbeiten muss und dass der Anbau auch in einer kleineren Struktur mit überschaubaren Dimensionen gut läuft.

Ackerland als Erbe

Also wendet sie sich an die Familie. Ihr Vater und fünf Onkel und Tanten besitzen jeweils ein Stück von Max‘ Parzelle. Der Bauernhof ist nicht mehr Besitz der Familie, da er schon lange abparzelliert wurde. Sie sind damit einverstanden, Myriam das gesamte Grundstück zu verpachten, und so unterschreibt sie insgesamt sechs Pachtverträge. Die eigenen Kinder der Onkel und Tanten sind nicht interessiert und es schockiert sie auch nicht, dass eine junge Frau in den Gemüsebau einsteigen möchte. Oder sie lassen es Myriam zumindest nicht merken. Es gibt höchstens ein paar verwunderte Bemerkungen, ob sie wirklich eine so schwierige Tätigkeit wieder aufnehmen wolle, hatte die Bewirtschaftung ihren Vater Max doch damals schon stark in Anspruch genommen. Myriam erledigt die notwendigen Formalitäten beim Kanton, um unter anderem eine Betriebsnummer zu erhalten. Die Tatsache, dass es hier früher einen funktionierenden Betrieb gab und dass ihr Grossvater Gemüsebauer gewesen war, begünstigte den positiven Entscheid des Kantons.

Ohne Hilfsstoffe, lange vor dem Bio-Label

2013 geht es los mit rund 50 Gemüsekörben im ersten Jahr, vor allem für ihren Bekanntenkreis. Myriam bewirtschaftet noch nicht die gesamte Parzelle, sondern gibt dem aktuellen Pächter Zeit, seinen Anbauplan abzuschliessen, und übernimmt nach und nach die Verwaltung des Ganzen. So legt sie Schritt für Schritt ihren Gemüsegarten an, mit einem kleinen Gebäude für den Kühlraum, für die Werkzeuge und für die Pausen, um sich aufzuwärmen. Dann folgen unbeheizte Gewächstunnel, mittlerweile sieben an der Zahl, die sie zusammen mit anderen Werkzeugen und Materialien übernimmt oder zukauft. Zum Erbe dieser Parzelle «gehört» auch das Nachbarspaar von gegenüber. Dieses hatte ihren Grossvater gekannt und ist von ihrer Energie beeindruckt, wenn sie den ganzen Tag dort allein mittendrin arbeitet. «Sie haben mir gestanden, dass sie mehrmals den Feldstecher herausgeholt haben, um mich zu beobachten, zwar auf Distanz, aber doch herzlich und bewundernd», erzählt Myriam.

Einen Schritt nach dem anderen

Das Projekt ist ganz ihr, Myriam, und es ist ihre Energie und ihr Geld, die sie seit zehn Jahren investiert. Sie ist es, die hier Verantwortung übernimmt und die Risiken trägt. Doch wenn sie über den «Jardin de Max» spricht, tut sie das selten aus der Ich-Perspektive. Sie sagt immer wieder «wir» und bezieht damit auch die anderen Beteiligten in das Abenteuer mit ein. Ihre Eltern, die bei den Gesprächen, den Formalitäten, aber auch am Marktstand oder beim Beerenpflücken dabei sind. Ihre jüngere Schwester, eine Agronomin, die beim Start des Projekts geholfen hat und derzeit zu 80 Prozent mitarbeitet. Verschiedene angestellte Personen, die über die Jahre nacheinander die Kulturen mitbetreut und am Laufen gehalten haben. Und dann, was für andere Bäuerinnen nicht immer selbstverständlich ist: der Partner, der auch die familiären Pflichten mitträgt und sich ebenfalls um ihre beiden Kinder kümmert. Zwischen Gemüseanbau und Familie erfordert das eine gehörige Portion Organisation und Teamarbeit – im Privaten wie im Garten.

«Selbst als ich angefangen habe, dachte ich mir nie: Ich bin eine Frau und verrückt, dass ich so etwas mache. Und man darf sich auch nicht den ganzen Berg vor Augen halten, sondern macht besser einfach einen Schritt nach dem anderen!», sagt Myriam und lacht. Natürlich kommt es vor, dass sie an einem Tisch sitzt, umgeben nur von Landwirten – und wenn sie in dieser Männerwelt reden muss, tut sie das auch, aber es ist trotzdem nicht ihr Ding. Sie bleibt lieber im Hintergrund, hört zu und schaut, wie sie ihren Platz ausfüllen kann. «Ich bin nicht der Typ, der hereinpoltert und sagt: Hier bin ich und ich will …» So hat es einige Jahre gedauert, bis ein Freund sie endlich überreden kann, Direktzahlungen, die Beihilfe für die Umstellung auf biologischen Landbau und später das Bio-Suisse-Label zu beantragen, wobei sie in Anbetracht des administrativen Aufwands wenig motiviert war. Aber schliesslich tat sie es, da sie ja auch ein Anrecht darauf hat.

Die Kundschaft hat sich seit dem Beginn sehr verändert, es sind nicht mehr nur ihre Bekannten. Durch Mundpropaganda haben sich neue Leute für das Gemüseabo angemeldet. Der «Jardin de Max» hat gute und weniger gute Jahre. Myriam ist von dem, was sie tut, überzeugt, drängt sich aber nicht auf; sie zweifelt immer noch nach all dem, was sie schon erreicht hat, und macht sich Gedanken über die Zukunft. Die Belastung durch die Arbeit, aber auch die emotionale Belastung aufgrund des Familienerbes lasten auf ihren Schultern. Aber was solls? Sie ist ein Landwirt wie alle anderen auch…

  • Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 3/2023. Autorin: Anne Berger

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