Bis zum letzten Tag

Nach Jahren hartnäckigen Durchhaltens und seriöser Pionierarbeit auf einigen wenigen Betrieben wird die Hof- und Weidetötung seit dem 1. Juli 2020 schweizweit erlaubt. Das ist nicht nur gut für die Tiere, sondern auch für die regionale Wertschöpfung.

 

Trennung von der Herde, Transport zum Schlachthof, Aufenthalt in einer unbekannten Umgebung: Für die meisten Rinder ist das die Realität an ihrem letzten Tag. Das alles sind Stressfaktoren. «Tiere sollen dort sterben dürfen, wo sie gelebt haben. Wir wollen keine Lebendtiertransporte mehr.» Das ist denn auch die klare Antwort von Eric Meili vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau FiBL, wenn man ihn nach den Gründen für sein Engagements in Sachen Hof- und Weidetötung fragt. Seit 2011 treibt er diese andere Art zu Töten an vorderster Front mit voran. Das Tierwohl ist also ein entscheidender Faktor. Rinder, die in ihrem gewohnten Umfeld sterben können, sind signifikant weniger Stress ausgesetzt, wie eine Studie des FiBL aufzeigen konnte. Und weniger Stresshormone bedeuten höhere Qualität beim Fleisch.

Das Töten nicht mehr delegieren

Verantwortung übernehmen und ihre Tiere bis zum letzten Atemzug begleiten – das wollen die Pioniere der Hof- und Weidetötung. Es brauchte viel Überzeugungsarbeit an verschiedenen Stellen, bis sie sich endlich durchsetzen konnten. Heute gibt es zwei Varianten dieser alternativen Schlachtmethode: Bei der Hoftötung werden die Tiere im Fressgitter fixiert, und das zu tötende Tier wird mittels Bolzenschuss betäubt. Bei der Weidetötung sind die Tiere auf der Koppel, die Betäubung erfolgt mittels Kopfschuss aus kurzer Distanz. Gemeinsam ist beiden, dass sowohl eine Veterinärin als auch ein Metzger vor Ort sein müssen. Die Veterinärin macht die Lebendtierschau und beaufsichtigt die Einhaltung der Hygienevorschriften. Der Metzger kommt unmittelbar nach der Betäubung zum Einsatz. Er macht den Bruststich, der das Tier ausbluten und sterben lässt. Erst dann kommt der Transport ins Schlachthaus mittels Spezialanhänger. Dort wird das Tier ausgeweidet, enthäutet und zerlegt.

Mehr Glaubwürdigkeit, mehr Wert

Heute besitzen in der Schweiz sechs Betriebe eine Bewilligung für die Hof- resp. Weidetötung. Und es sollen mehr werden, sobald die rechtliche Situation geklärt ist. Zwar sind die Vorschriften streng und die Kosten höher als beim konventionellen Schlachten. Doch der Mehrwert ist zweifellos gegeben – nicht nur für das Tier. Regionale Schlachthöfe und Metzgereien werden wieder Teil des Prozesses. Damit kann von der Produktion bis zur Verarbeitung und Veredelung der ganze Ablauf kleinräumig und übersichtlich gehalten werden. Dies ermöglicht nicht nur eine herausragende Qualität entlang der ganzen Wertschöpfungskette, sondern erhöht auch die Glaubwürdigkeit des Endprodukts. Dazu braucht es Metzgerinnen, welche diesen zusätzlichen Aufwand auf sich nehmen. Die Hoffnung ist, dass durch die Aufwertung des Metzgerhandwerks auch in diesem Bereich ein Umdenken stattfindet und kleine Schlachthöfe und Metzgereien wieder Auftrieb erhalten.

Bald auch Hofschlachtungen möglich?

Alternative Schlachtkonzepte sind übrigens nicht nur für Rinder ein Thema. Die Verordnung erlaubt die Hoftötung explizit auch für andere Tiere – beispielsweise Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner. Als eine der Hürden für viele umstellungswillige Höfe gilt die zeitliche Vorgabe, die für den Transport vom Betrieb in den Schlachthof vorgegeben wird. Maximal eine Dreiviertelstunde darf vom Entbluten auf dem Hof bis zur Ausweidung im Schlachthaus verstreichen – inklusive Verladen und Entladen. So bleiben für den Transport oft gerade noch gut zwanzig Minuten. Für abgelegene Höfe ist diese Vorgabe häufig nicht zu erfüllen. Deshalb testet das FiBL eine mobile Schlachtanlage, wie sie im Ausland bereits eingesetzt wird. Damit könnte der gesamte Schlachtprozess auf den Hof verlegt werden.

Teil eines betrieblichen Gesamtkonzeptes

Eric Meili ist überzeugt, dass sich insbesondere die Hoftötung durchsetzen wird. Die Weidetötung wird wohl eine Nische bleiben, da sie wegen des benötigten Jagdpatents aufwändiger umzusetzen ist. Allerdings müsse diese Art zu Töten in das betriebliche Gesamtkonzept passen, so Meili. Mit der Hof- und Weidetötung sind deshalb vor allem Direktvermarkterinnen von Fleisch oder kleinere Schlachtbetriebe und Metzgereien in den Regionen angesprochen, die Wert auf sorgfältige Arbeit legen. Dazu gehört für Meili auch, dass die Tiere auf möglichst natürliche Art gehalten und graslandbasiert gefüttert werden und das gesamte Tier verarbeitet und verwertet wird («Nose-to-Tail»). Erst diese Kombination ergibt ein authentisches Gesamtpaket, das den Kunden in Form eines qualitativ hochstehenden, ethisch vertretbaren Endprodukts weitergeben werden kann.

Unterstützung für interessierte Betriebe

Betriebe, die sich für die Hof- oder Weidetötung interessieren, können sich bei Eric Meili vom FiBL melden. Er sammelt die Adressen, hilft beim Vernetzen und bei den Gesuchen. So können bei ihm diverse Gesuchsformulare und Checklisten bezogen werden. Eric Meili macht auch kostenlose Beratungen, wenn nötig direkt auf dem Hof. Neu gibt es vom FiBL das Merkblatt «Hof- und Weidetötung zur Fleischgewinnung» (siehe unten). Für die Konsumentinnen plant das FiBL eine Karte, welche die umgestellten Betriebe auflistet.

 

Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 2/2020; Die Bilder stammen vom Biohof Dusch, einem der Pionierbetriebe in Sachen Hoftötung. Fotos © Tina Sturzenegger

  • AutorIn Annemarie Raemy

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