Ackern auf dem Acker

Schweizer Gemüse ist gesund und liegt im Trend. Seit Jahren steigen Anbau und Konsum. Erwartet wird jederzeit verfügbare, makellos aussehende Produkte zu möglichst tiefen Preisen. Dies bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Betriebe und ihre Angestellten. Der Druck ist enorm und die Produktion nur möglich mit billigen Arbeitskräften und dem Einsatz von viel Pflanzenschutzmittel.

Zu einer ausgewogenen Ernährung gehört Gemüse, gleichzeitig wächst das Interesse der Konsumentinnen an regional produzierten Lebensmittel. Deshalb überrascht es wenig, dass Schweizer Gemüse im Trend liegt und Konsum sowie Anbau seit Jahren konstant ansteigen. Etwas mehr als die Hälfte (55%) aller gegessenen Karotten, Tomaten und Co. stammt aus inländischer Produktion. Die Gemüseanbaufläche war 2017 rund ein Viertel grösser als noch 5 Jahre zuvor. Nicht nur die gesamte Fläche ist gestiegen, sondern auch die Grösse der Betriebe. Der Trend geht klar zu grösseren, spezialisierten Betrieben. Gleichzeitig macht auch die Digitalisierung nicht Halt am Feldrand. Forschung und Industrie arbeiten an automatischen Bewässerungssystemen, Drohnen mit Pflanzenschutzmitteln und Roboter zum Jäten. Einiges wird schon auf den Betrieben genutzt, vieles ist jedoch noch nicht praxisreif.

Arbeiten unter Preisdruck

Trotz der Mechanisierung bedeutet Gemüseanbau immer viel Handarbeit. Keine andere Sparte in der Landwirtschaft ist so stark von angestellten Arbeitskräften abhängig wie der Gemüseanbau. Der Arbeitsaufwand auf einem Gemüsebetrieb ist sehr ungleich aufs Jahr verteilt, so arbeiten im Sommer rund doppelt so viele Angestellte wie im Winter. Zusätzlich zur Saison geben Wetter und Marktnachfrage den Arbeitsrhythmus vor. Viele Gemüse sind nicht lange lagerbar und können deshalb erst kurz vor dem Weiterverkauf geerntet werden. Zudem wird der Grossteil der Produkte über Zwischenhändler vermarktet, nur rund drei Prozent werden direkt von Produzenten an Konsumenten verkauft. Die Grossverteiler bestimmen Margen und Preise, für die Bauern bleibt wenig übrig. Unter diesem Druck sparen die Betriebsleitenden überall wo es möglich ist und bezahlen ihren Angestellten so wenig wie möglich. All dies, die hohe Arbeitsbelastung, der tiefe Lohn und die saisonale Anstellung, machen den Gemüsebau für Angestellte nicht sehr attraktiv. Ein Grossteil der Arbeiter im Gemüsebau stammt aus dem Ausland. Im Interview rechts beschreibt Simon Affolter, Sozialanthropologe der Uni Bern, die Arbeitsbedingungen im Gemüsebau.

Ein Drittel landet im Abfall

Im Verkaufsregal liegt nur makelloses Gemüse, dazu müssen regelmässig Mittel gegen Insekten und Pilze gespritzt werden. Ein Anbau ohne Pestizide ist möglich, aber aufwändiger und erfordert mehr Handarbeit. Denn auch von Bio-Gemüse wird Makellosigkeit erwartet. Was nicht den Standards entspricht, wird vor dem Verkauf aussortiert und füllt Abfallcontainer und Biogasanlagen. Rund die Hälfte der Lebensmittelverluste geschehen vor dem Verkauf, der Rest wird in den Haushalten weggeworfen. So landet rund ein Drittel der Lebensmittel im Müll und nicht auf dem Teller. Eine riesige Verschwendung von Ressourcen und Geld.

Krumm macht nicht dumm

Schweizer Gemüse ist gesund und dank kurzer Transportwege auch ökologisch. Doch der Wunsch nach perfekt geformten, jederzeit verfügbaren Produkten zu tiefen Preisen fordert Mensch und Natur einiges ab. Neue Anbaustrategien und Vermarktungsformen sind gefragt. Zentral ist die Nähe von Produktion und Konsum und die Wertschätzung der Lebensmittel. Damit Qualität wichtiger wird als optische Perfektion. Denn auch krumme Rüebli und kleine Kartoffeln sind fein und gesund. Kostendeckende Preise erlauben den Betrieben, die Angestellten besser zu entlöhnen und fairer anzustellen. Mit der Digitalisierung eröffnen sich, zusätzlich zu Hofladen oder Wochenmarkt, neue Lösungen für den Direktverkauf. Pilotprojekte laufen bereits erfolgreich. Trotz intensiven Diskussionen über den Pestizidverbrauch ist es ungewiss, ob Mehrheiten für strengere Gesetze zustande kommen. Statt auf die Politik zu warten, können wir täglich unsere Verantwortung wahrnehmen und faire Preise für unsere Lebensmittel bezahlen. Damit Schweizer Gemüse ökologisch und sozial produziert werden kann.

Interview mit Simon Affolter, Sozialanthropologe der Uni Bern

Wie viele ausländische Personen sind in der Schweizer Landwirtschaft angestellt?

Offiziell sind in der Schweizer Landwirtschaft 25’000 bis 35’000 sogenannt familienfremde Personen ohne Schweizer Pass beschäftigt. Dazu kommt die unbekannte Anzahl an Sans-Papiers, welche ohne gültige Papiere oder ohne legalen Aufenthaltsstatus arbeiten. Ein Grossteil dieser Arbeitskräfte arbeitet auf Gemüsebetrieben.

Wie sind die Arbeitsverhältnisse geregelt?

Die Arbeitsbedingungen für Angestellte in der Landwirtschaft werden nicht einheitlich festgeschrieben. Es gibt kein Schutz durch einen Gesamtarbeitsvertrag, wie in anderen Branchen, beispielsweise dem Gastgewerbe. Es existieren lediglich kantonale Normalarbeitsverträge NAV. Nur im Kanton Genf sind die so festgehaltenen Regeln bindend. In den anderen Kantonen regeln die NAVs unverbindlich die Anstellungsbedingungen, wie Arbeitszeit und Lohn.

Was bedeutet das für Arbeitszeiten und Löhne?

Die körperliche Belastung ist gross, die Löhne sind tief. Der NAV des Kantons Bern legt beispielsweise die Arbeitszeit auf maximal 12 und durchschnittlich 10 Stunden pro Tag fest. Zudem wird nicht an fünf, sondern an fünfeinhalb Tagen die Woche gearbeitet. Für saisonale Arbeitskräfte ist ein Bruttolohn von 3’210 Franken vorgeschrieben. Nebst den Sozialversicherungsbeiträgen werden in der Regel noch bis zu 990 Franken für Kost und Logis abgezogen.

Was ist anders bei Angestellten in der Landwirtschaft als in anderen Sektoren?

Ein Vergleich mit anderen Sektoren ist schwierig. Auf einem Landwirtschaftsbetrieb steht die Arbeit im Vordergrund und nicht die Arbeitszeit. Ein Arbeitstag endet dann halt nicht nach 8 oder 8,4 Stunden, sondern erst wenn alles geerntet ist. Ausserdem wohnen Angestellte oft auf dem Hof oder in unmittelbarer Nähe, sodass eine klare Abgrenzung von Arbeit und Freizeit schwierig ist. Doch nicht nur die Angestellten leben und arbeiten in prekären Verhältnissen. Auch die Betriebsleiter stehen unter einem immensen Druck. Die Arbeitsbelastung ist auch für sie in der Saison extrem hoch. Diese Selbstausbeutung setzt Standards in der landwirtschaftlichen Arbeit. Die hohe Belastung wird von allen als «normal» angesehen.

Warum verändert sich Situation für Angestellte nicht oder nur wenig?

Angestellte in der Landwirtschaft sind keine einheitliche Gruppe, sie sind nicht organisiert und leben verstreut auf den einzelnen Betrieben. Die grösseren landwirtschaftlichen Player (z.B. Bauernverband) vertreten die Bauern und somit die Arbeitgeber. Berufsverbände setzten sich für ausgebildete, qualifizierte Arbeitskräfte ein. Unqualifizierte oder saisonale Arbeitskräfte haben niemanden, der sich für sie stark macht.

Ausserdem fusst das ganze System auf billigen Arbeitskräften. Es funktioniert nur, weil die Arbeitskräfte aus Ländern stammen wo dieser tiefe Lohn mehr Wert hat.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern für gerechtere Anstellungen?

Es heisst immer die Situation in der Landwirtschaft ist halt speziell, aber vielleicht sollten wir es gerade mit anderen Branchen vergleichen. Wieso sollten Angestellte und auch die Bauern zu diesen Bedingungen arbeiten müssen? Trotz der Mechanisierung fällt in der Landwirtschaft viel Handarbeit an. Diese Arbeit hat ihren Preis. Faire Löhne können aber mit den tiefen Produzenten preisen kaum bezahlt werden. Wir müssen deshalb die Wertschöpfungskette in der Landwirtschaft überdenken.

Dieser Artikel erschien in der Ökologo-Ausgabe 3/2018.

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