«Au-Potager de Prangins»: Fülle und Vielfalt

«Au-Potager» ist ein partizipatives Projekt in der Romandie, das eine verantwortungsvolle und kollektive Rückeroberung der Nahrungsmittelproduktion anvisiert, indem Gemüseanbauflächen zur Verfügung gestellt werden. Die Mitglieder verpflichten sich, ihre Parzellen zu unterhalten und das darauf Gewachsene zu ernten. Die Produktion soll ökologisch sein, auf den Prinzipien Teilen und Tauschen beruhen und der Arbeit auf dem Feld wieder einen Wert geben.

Ein erster Samen …

Am Anfang dieser Initiative steht Caroline Serafini, Vereinspräsidentin und Einwohnerin von Prangins (VD). Und der Dokumentarfilm «Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen», der den Nährboden für das Projekt legt. «Ich wollte etwas sehr Lokales machen, um die Dinge ins Rollen zu bringen», meint sie dazu. Der im Film gezeigte Bauernhof Bec Hellouin produziert auf einer Fläche vom 0,1 ha mit Früchten und Gemüsen eine ähnliche Rentabilität wie die konventionelle Landwirtschaft auf 1 ha. Warum nicht auch in Prangins? Im Handumdrehen landet die Idee bei der Gemeinde, die bereit ist, ein Stück Land zur Verfügung zu stellen. Mit dem Bewirtschafter wird Kontakt aufgenommen. Reynald Pasche ist Landwirt, steht mit beiden Beinen auf dem Boden und ist offen für Innovation und Experimente. Er ist bereit, die Idee weiter zu vertiefen und ein Stück des Landes, das er bebaut, an das Projekt «abzugeben». Weitere Akteure werden hinzugezogen: Agronomen, begeisterte Bürgerinnen, der Lebensmittelhändler im Dorf. Die Überlegungen nehmen ihren Lauf, Ziele und mögliche Wege dorthin werden konkretisiert und eine Projektgruppe aus motivierten Leuten gegründet.

… keimt …

Zu Beginn steht die Idee im Raum, den Einwohnerinnen von Prangins einen Bio-Gemüsekorb anzubieten, doch das hätte Infrastruktur wie ein Lokal oder Kühlschränke erfordert. Ein Besuch bei «Mis Gmües», einem Projekt der solidarischen Landwirtschaft der landwirtschaftlichen Schule auf dem Schwand BE wurde organisiert. Dieses Modell schien überzeugend: Wenig Infrastruktur, die aufgebaut werden muss, also nur geringe Anfangsinvestitionen, was das finanzielle Risiko klein hält und grösseren Spielraum gewährleistet. Zurück im Waadtland feilen die gescheiten Köpfe weiter am endgültigen Konzept und gründen schliesslich im Dezember 2019 den Verein «Au-Potager de Prangins». Der Vereinsvorstand ist ähnlich bunt zusammengewürfelt wie der grosse Garten, jeder hat seine speziellen Fähigkeiten. Die Philosophie hinter «Au-Potager» ist, die Leute zu einer verantwortungsvollen und solidarischen Lebensmittelproduktion anzuregen, die gesunde und für die Umwelt verträgliche Waren produziert – «auch, um die Leute mit einer gewissen Realität zu konfrontieren und ihre Ideen gegenüber der Landwirtschaft in Frage zu stellen», unterstreicht Reynald Pasche. Die Aktivmitglieder zahlen einen jährlichen Beitrag von 650 Franken für eine Parzelle von 30 m2, um die Kosten wie professionelle Unterstützung, Saatgut, Setzlinge, Bewässerung, etc. zu decken. Die Mitglieder ernten und konsumieren dann, was auf ihrer Parzelle wächst.

… wächst …

Im Februar 2020 werden auf verschiedenen Kanälen Informationen zum Projekt verbreitet und im Gemeindesaal findet eine Zusammenkunft statt. Zudem wird eine Crowdfunding-Kampagne lanciert, um Anfangsinvestitionen wie Gartengeräte und das Bewässerungssystem zu finanzieren. Es melden sich so viele Leute, dass für 55 Parzellen geplant werden kann, mehr als erwartet. Unterstützung und Mitarbeit aus den Reihen der Dorfbewohner, die sich für eine lokale Produktion einsetzen möchten, sind also vorhanden. Das Projekt kann endlich starten. Reynald Pasche überlässt dem Verein ca. 2000 m2 des Gemeindelandes und hilft mit seinen Maschinen bei schweren Arbeiten wie der Installation der Bewässerungsanlage oder der Pflanzung einer Hecke und einer Blumenwiese zur Förderung der Biodiversität. «Meine Motivation bei dem Projekt mitzumachen war, Leuten Zugang zu einem Stück Erde zu ermöglichen, die Lust haben es zu bewirtschaften», erzählt Pasche. Für 2020 wird ein Bewirtschaftungsplan erarbeitet. Zwei Gemüsegärtner werden für je vier Stunden pro Woche angestellt, um vor Ort die Mitglieder zu beraten, bei Pflanzenkrankheiten zu helfen und die anstehenden Arbeiten zu planen.

… und erblüht!

Die Mitglieder und Gärtner beginnen mit der Aussaat und Bepflanzung bei allen Parzellen gleichzeitig. Diese Arbeiten gestalten sich wegen der Auflagen rund um das Coronavirus schwierig. Doch die Begeisterung bleibt, Rücken krümmen sich und Hände tauchen in die Erde. Allmählich nimmt dieser riesige Gemüsegarten Form an, die Pflanzen entwickelten sich und die Spannung löst sich bei den Mitgliedern. Blumen, Früchte und Gemüse strahlen in einer Fülle an Farben und Formen, die das Auge erfreut und danach erst noch den Gaumen. Durch Newsletter und wöchentliche Begehungen mit dem Gemüsegärtner bleiben die Hobbygärtnerinnen am Ball. «Der Austausch in beide Richtungen finde ich super», meint Caroline Serafini. «Wenn man keinen Kontakt zu einem Landwirten hat, weiss man nicht genau, wie das alles funktioniert. Wenn man aber die Bewirtschafter kennt, braucht es keine Labels mehr.»

Erntezeit

Die Saison ist zwar noch nicht beendet, aber das Team zieht bereits eine positive Bilanz. Neben einer üppigen Ernte und ausgeglichenen Finanzen kommt die Befriedigung auch direkt aus dem Projekt. «Wenn ich Freunden etwas schenke, das ich hier im Garten geerntet habe, ist die Freude doppelt so gross. Stammt das wirklich aus Prangins? Dies wertet die Produkte enorm auf», erläutert ein Vorstandsmitglied. Bemerkungen und Kritik der Mitglieder werden gesammelt, um sich zu verbessern. Für 2021 kommen bereits neue Anmeldungen herein. Es braucht sicher zusätzliche Parzellen. Ideen für eine Fortsetzung? Die fehlen dem Vorstand nicht: Die Produktion intensivieren und verdoppeln. Ein Agroforstprojekt starten, Fruchtbäume und im Unterwuchs Beeren pflanzen. Anbau von Getreide und Hülsenfrüchten, um gänzlich unabhängig zu werden. Errichten eines kleinen Hühnerstalls für Eier, Fleisch (Suppenhühner) und Mist als Dünger für den Garten. Und natürlich das wichtigste Ziel: Aufzeigen, was möglich ist und das Konzept in die nähere Umgebung tragen. Oder wie Reynald Pasche sagt: «Wenn man erklärt, was man macht, warum man es macht und wie man es macht, dann kann man die Dinge ändern!»

Mehr Infos über das Projekt «Au-Potager» unten www.au-potager.ch

Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 4/2020. Fotos © A. Berger, P. Perroud

  • AutorIn Anne Berger

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