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«Die Kreislaufwirtschaft ist für uns zentral»

2014 konnten Lionne Spycher und ihr Mann in Ried-Mörel (VS) einen Hof pachten und bewirtschaften diesen seither nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Wir haben mit ihr über den Schritt von der Stadt aufs Land gesprochen und wie es ist, in den Walliser Bergen Landwirtschaft zu betreiben.

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Lionne, du bist in Bern Wankdorf im städtischen Umfeld aufgewachsen. Wie kam der Wunsch auf, Landwirtin zu werden?
Für mich war es immer klar, dass ich einen Beruf brauche mit vielen Facetten. Auch wollte ich möglichst bald selbstständig arbeiten. Die Landwirtschaft bietet sehr viel Raum für Kreativität und Entwicklung.

Wie hast du als junge Frau den Einsteig in die Landwirtschaft erlebt?
Es gab immer tolle Leute, die mich bestärkt und unterstützt haben. Dennoch war und ist es auch ein Kampf, dass ich in Berufskreisen als Fachperson ernst genommen und respektiert werde.

Wie lange waren dein Mann und du auf Hofsuche und wie kam es schliesslich dazu, dass ihr 2014 den Hof Gugel in Ried-Mörel im Oberwallis pachten konntet?
Unsere Hofsuche verlief eher atypisch, denn wir haben noch gar nicht aktiv gesucht. Nach der Lehre gingen wir erst einmal ein halbes Jahr nach Frankreich. In dieser Zeit bekamen wir einen Anruf von unserem Vorgänger. Er hatte über gemeinsame Bekannte gehört, dass wir offen wären für eine spätere Betriebsübernahme. Wir besuchten sein kleines Heimetli in Ried-Mörel und hatten ein sehr wortkarges Gespräch. Denn unser Vorgänger ist nicht der Mann vieler Worte und hat vieles mit «Mir wärde de scho eis» beantwortet. Uns gefiel die unkomplizierte Art. Der Hof war zu diesem Zeitpunkt 3 Hektaren gross und ein Kauf war für unseren Vorgänger keine Option. Das Risiko für uns war also sehr überschaubar und wir haben deshalb beschlossen, uns auf das Experiment einzulassen.

Wie hat sich dein Blick auf die Landwirtschaft seither verändert?
Über diese Frage könnte man wohl stundenlange Gespräche führen. Ganz grob zusammengefasst hat sich meine Überzeugung der Kreislaufwirtschaft sehr gestärkt. Die meisten Probleme, welche wir auf unserem Betrieb antreffen, haben ihre Ursache in unausgeglichenen Kreisläufen.

Ihr seid mit 3 Hektaren gestartet, inzwischen bewirtschaftet ihr 15 Hektaren. Brachte die Betriebsvergrösserung v.a. Vorteile oder auch Nachteile?
Am Anfang konnten wir mit wenig Ressourcen und somit auch mit sehr wenig Risiko arbeiten. Das nimmt den Druck. Wir konnten aber auch keine grossen Sprünge machen und waren weiterhin auf externes Einkommen angewiesen. Dann gab es einen Zwischenphase, die sehr anstrengend war: Wir in der Art und Weise, wie wir arbeiten wollten, noch nicht gross genug, um davon leben zu können, mussten aber schon den Arbeitsinput wie bei einem «grösseren» Betrieb leisten. Mit den Hektaren kam sicher auch die finanzielle Entlastung und wir konnten uns mehr auf Details in unserem Betrieb konzentrieren. Ich empfand diese Zeit als sehr kreativ und es verlieh uns einen Schub.

Was hat sich auf eurem Betrieb in diesen 8 Jahren sonst noch verändert?
Wahnsinnig viel. Wir haben als junge Hitzköpfe angefangen und vieles ausprobiert. Gestartet sind wir mit ein paar Schafen und 2 alten Walliser Stadeln. Heute halten wir 36 Mutterschafe, 2 Schafböcke, 2 Muttersauen und eine kleine Ziegenherde. In der Art der Bewirtschaftung hat sich auch immer wieder etwas verändert. Im Moment arbeiten wir an einer effizienteren Wassernutzung, da wir an den trockenen Walliser Hängen sehr davon abhängig sind.

Ihr wendet auf eurem Betrieb die Grundsätze der regenerativen Weidewirtschaft an. Welche Rolle spielen die verschiedenen Tiere in diesem System?
Das unterschiedliche Fressverhalten der Tiere hilft uns bei der Bestandeslenkung. Durch das Halten mehrere Tierarten sind wir ausserdem breiter abgestützt. Wir möchten auch noch vielfältiger werden und unseren Tierbestand mit Laufenten ergänzen. In Zukunft möchten wir ausserdem langsam von Mist zu Kompost umsteigen. Doch dies bedarf einer strukturellen Anpassung und muss in unserem trockenen Bergklima noch erprobt werden.

In Ried-Mörel gibt es noch 6 Bauernhöfe. Was habt ihr als «Zugezogene» von den alteingesessenen Dorfbewohnern gelernt?
Wir pflegten von Anfang an einen guten Austausch, konnten viel von den älteren Dorfbewohnern lernen und sind wohl auch deshalb auf viel Toleranz und Unterstützung gestossen. Vor allem Ruth und Reinhold Berchtold (Ruth Berchtold war bis 2021 Vorstandsmitglied der Kleinbauern-Vereinigung, Anm. d. Red.) haben uns durch vieles begleitet.

Ihr vermarktet das Fleisch eurer Tiere sowie weitere Produkte, die euer Garten hergibt, direkt. Warum ist euch die Nähe zu den Konsumentinnen und Konsumenten so wichtig?
Der direkte Kundenkontakt ist tatsächlich etwas vom Wichtigsten auf unserem Betrieb. Wir möchten eine Brücke in die Landwirtschaft schaffen, deshalb sind unsere Hoftüren jederzeit offen und wir nehmen uns gerne Zeit für Besucherinnen und Besucher. Bei den Tieren arbeiten wir aktuell daran, dass alles, z.B. auch die Felle und speziellen Fleischstücke, verwertet werden. Der Bauerngarten ist etwas in den Hintergrund gerückt. Ich beschäftige mich stattdessen aktuell vermehrt mit Wildkräutern. Diese müssen nicht direkt kultiviert werden, sind maximal standortangepasst und wir können sie deshalb besser in und um unsere Flächen integrieren.

Erachtest du die Direktvermarktung im Berggebiet schwieriger als in Stadtnähe oder ist es umgekehrt?
Wir konnten unsere Produkte immer gut verkaufen. Wir müssen aber zu unseren Kunden gehen, weil die meisten nicht den Weg nach Ried-Mörel auf sich nehmen. Es gäbe aber auch noch viel mehr Potenzial im Tourismus und der lokalen Gastronomie. Das kommt zum Glück in den letzten Jahren vermehrt auch hier im Wallis auf. Wir arbeiten zurzeit mit einem Gastrobetrieb auf der Riederalp zusammen. Eine sehr bereichernde Erfahrung!

Wo siehst du euren Hof in zehn Jahren?
Momentan sind die verteilten Ställe eine administrative und ökologische Belastung, weshalb wir längerfristig ein Betriebszentrum erschaffen möchten. Weiter möchten wir unsere bestehenden Projekte verfeinern und möglichst viel vom vorhandeneren Potenzial ausschöpfen. Unser Fokus liegt dabei auf dem internen Wachstum. Vor allem aber möchten wir einen Lebensort schaffen und mehr Leute auf den Hof holen.

Weshalb engagierst du dich für die Kleinbauern-Vereinigung?
Die Kleinbauern-Vereinigung zeigt auf, dass es verschiedene Wege gibt, die man gehen kann. Sie unterstützt verschiedene bunte Betriebsformen und gibt ihnen eine Stimme. Für mich ist die Kleinbauer-Vereinigung ein wichtiges Engagement auf dem Weg in eine soziale und nachhaltige Landwirtschaft.

Was wünschst du dir für die Landwirtschaft in der Schweiz?
Ich wünsche mir mehr Mut, Altbewährtes und Neues zu verbinden, Bestehendes zu hinterfragen und wenn der Schuh drückt, diesen mal kräftig auszuschütteln.

 

Lionne Spycher bewirtschaftet mit ihrem Mann Aureus Schüle und ihren Kindern Louve und Andri den Biobetrieb Patte de Lion in Ried-Mörel (VS). Auf 15 Hektaren, die sich von 900 bis auf 1900 m ü. M. erstrecken, halten die beiden Schafe, Ziegen und Mutterschweine und vermarkten das Fleisch direkt. Lionne ist gelernte Landwirtin, arbeitete vor der Betriebsübernahme im Verkauf, liebt die Bewegung in der Natur und das Wandern.

 

  • Dieses Interview erschien in der Agricultura-Ausgabe 4/2022. Autorin: Patricia Mariani

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