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«Vielfalt macht das Leben spannend!»

Karin Mengelt ist Vorstandsmitglied der Kleinbauern-Vereinigung und führt mit ihrem Mann einen Bio-Betrieb im thurgauischen Pfyn. Auf rund zwölf Hektaren betreiben die Mengelts Ackerbau, bewirtschaften Hochstamm-Obstbäume, Kiwi, und bauen zusätzlich auf einer Hektare Gemüse für die Direktvermarktung an. Ein Gespräch über den Wert von Diversität und die Herausforderungen kleinbäuerlicher Landwirtschaft.

Karin Mengelt und Rolf, Bio Landwirtin, Pfyn (TG), bearbeiten ein Dinkelfeld. Foto: Bernard van Dierendonck

Karin, du sagst Vielfalt ist dir wichtig. Was verstehst du darunter?
Einerseits, dass ein Betrieb verschiedene Betriebszweige hat, um das Risiko zu verteilen, wenn der Markt oder das Wetter mal nicht so mitmachen, wie wir es gerne hätten. Andererseits, dass überall auf dem Betrieb, auf kleinen oder grossen Flächen, verschiedene Pflanzenfamilien vorkommen und somit die Grundlage für eine vielfältige Tierwelt über und im Boden bilden. Ein natürliches Gleichgewicht auf unserem Betrieb zu erreichen, ist mir ein grosses Anliegen. Und: Vielfalt macht doch die Welt und das Leben spannend!

Wie zeigt sich Diversität auf eurem Hof?
Bei den Hochstamm- und Halbstammbäumen haben wir mindestens 70 verschiedene Kernobst- und Steinobstsorten. Auf dem Gemüsefeld, inklusiv Folientunnel, wachsen über das Jahr mehr als 70 verschiedene Gemüsesorten – Und die 50 verschiedenen Tomatensorten sind da nicht einberechnet. Das Gemüse bauen wir zum Teil in Mischkulturen an, auf dem Acker wachsen bei uns Sojabohnen zusammen mit Hirse, Dinkel, Emmer mit einer Untersaat, Leinsamen, und eine Luzerne-Weisskleemischung. Verschiede Hecken, blumenreiche Ökowiesen, Steinmauern, Kiwi, Nussbäume und verschiede andere Bäume bereichern unseren Betrieb zusätzlich.

Das ist eine vielfältige Produktepalette. Wie und wo vermarktet ihr diese?
Das Frischgemüse und die Früchte, verarbeitetes Gemüse und Obst verkaufen wir in unserem Hofladen. Auch dürfen wir einer lieben Marktfahrerfamilie Gemüse für den Wochenmarkt in Frauenfeld mitgeben. Das getrocknete Gemüse und Obst können wir bequem per Post in verschiedene Bioläden liefern. Dinkel verkaufen wir in unserem Hofladen oder an lokale Kleinbäckereien, die ihn sehr schätzen. Die Ackerkulturen werden über Biofarm, die Mühle Ritz und Sativa vermarktet.

Eine eurer Spezialitäten sind die getrockneten Tomaten. Wie kam es dazu?
Das war noch die Idee meiner Eltern. Sie bauten einen Folientunnel für Essiggurken und Tomaten. Da meine Eltern damals noch keinen Hofladen hatten, kam es ihnen entgegen, die Tomaten zu trocken und so in den Bioläden zu verkaufen. Unterdessen ist der Absatz der frischen Tomaten gewachsen, sodass wir nur noch die Tomaten trocknen, welche zu viel sind.

Du bist auf dem Hof aufgewachsen, den du nun bewirtschaftest. Wolltest du schon immer Bäuerin werden?
Als Kind wollte ich immer Bäuerin werden, da ich das Zusammensein mit den Kühen so lieb hatte. Später ist dieser Berufswunsch verschwunden. Nachdem mehreren Alpsommern im wunderschönen Berner Oberland kam der Kinderberufswunsch zurück und ich lernte noch Landwirtin. Kühe gibt es unterdessen schon lange keine mehr bei uns auf dem Hof, aber es scharren ein paar Hühner im oder ausserhalb vom Hühnergehege und es schnattern ein Enten- und Gänsepaar.

Was fasziniert dich an der Landwirtschaft?
Foto: Eve KohlerEinfach das Wunder Natur. Dass aus einem kleinen Samenkorn so was Kostbares, gesundes und Feines wachsen kann. Dass ich selber entscheiden darf, wie ich meinen Betrieb gestalten möchte, mit welchen Kulturen und wem wir die Ernte verkaufen können. Und ich schätze das nahe Zusammenleben mit der Natur (Ausser, das Wetter spielt verrückt!) und mag es, draussen und mit den Händen zu arbeiten.

Ihr habt euch letztes Jahr für die Pestizidfrei-Kampagne der Kleinbauern-Vereinigung engagiert und zeigt: Ackerbau ohne Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden ist möglich. Weshalb stiess dieser Systemwechsel auf so grossen Widerstand?
Die Initiative hätte Veränderungen für Produzentinnen und Konsumenten bedeutet, und Veränderungen haben viele Menschen nicht gerne. Die Konsumentinnen und Konsumenten hätte wohl keine Einwände gehabt gegen die Initiative, doch die Angst vor der Kostenwahrheit war letztlich grösser als der Mut, einen neuen Weg zu gehen.

Was sind aus deiner Sicht die grössten Herausforderungen, die auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft zukommen?
Dass auch die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern wertgeschätzt und wahrgenommen werden. Da es bis jetzt keine Obergrenze für Direktzahlungen gibt, werden die Betriebe mit viel Fläche umso mehr unterstützt, was ihnen wiederum ermöglicht, noch grösser zu werden. Auch die zunehmende Bürokratie kann belastend sein. Die hohe Arbeitsbelastung und die Anstellung von Mitarbeitenden kann den Kleinbauernbetrieb fordern.

Wo siehst du in diesem Kontext euren Hof in zehn Jahren?
Ich sehe da positiv in die Zukunft, weil ich immer wieder sehe, dass in der Natur noch so viel Potential steckt. Es gibt eine Kundschaft, die unsere Produkte und die Art und Weise schätzt, wie wir produzieren. Inzwischen ist vor allem auch bei jungen Leuten vermehrt ein Bewusstsein für die Natur zu erkennen. So wird unser Hof sicher auch in Zukunft ein schönes Puzzleteil vom ganzen Schweizer Landwirtschaftsland sein. Auch wünsche ich mir, dass der Hof noch vielfältiger und lebendiger wird.

Und die Frage zum Schluss: Was wünscht du dir für die Landwirtschaft in der Schweiz?
Ich wünsche mir, dass die Landwirtschaft noch vielfältiger und ökologisch wird. Dass es ein schönes und gesundes Miteinander zwischen Konsumentinnen und Produzenten gibt. Und dass die Landwirtschaft und deren Erzeugnisse, welche die Lebensgrundlage für uns alle sind, wertgeschätzt werden. Ich wünsche mir zudem, dass eines Tages eine Landwirtin vom Verkauf ihrer Produkte leben kann, weil der Konsument den realen Preis für die Produkte bezahlt und somit der Weg über die Direktzahlungen nicht mehr nötig sein wird. So wie bei jedem anderen Berufsstand auch.

 

Karin Mengelt lebt und arbeitet mit ihrem Mann Rolf und den Töchtern Bigna und Tabea auf dem Hof Hungerbühl in Pfyn (TG). Sie führen die 12 ha als vielfältigen Ackerbaubetrieb und sind spezialisiert auf die Direktvermarktung von frischem oder getrocknetem Gemüse und Obst sowie Dinkelmehl. Karin ist Drogistin, Älplerin und Landwirtin und mag nebst der Arbeit auf dem Hof das Fahrradfahren.

 

  • Dieses Interview erschien in der Agricultura-Ausgabe 3/2022. Autorin: Annemarie Raemy

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