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Mit Eiweisspflanzen und Ölsaaten Böden und Menschen ernähren

«Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen erkennen, dass ein derart tiefer Preis für Lebensmittel nicht möglich ist, ohne dass der Boden die Kosten bezahlt», sagt Philippe Leuba. Die Herausforderung besteht darin, den Boden wieder zu beleben, um der Katastrophe zu entgehen, und eine Kreislaufwirtschaft für organisches Material einzurichten.

«Wenn wir synthetischen Stickstoff importieren, dann deshalb, weil die Konsument:innen nicht in der Lage sind, ihn uns zurückzugeben. Das Konzept der Kläranlage bedeutet eine riesengrosse Verschwendung.» Philippe Leuba ist nicht um klare Worte verlegen. Offen, umgänglich und immer zum Diskutieren bereit, hat er bei gewissen Themen jedoch klare Vorstellungen. Seine Unabhängigkeit beim Denken, Handeln und der Wahl seines Lebensentwurfs sind ihm wichtig. Seine direkte Art hat er vielleicht von seiner Mutter. Sie hat in den 1960er Jahren einen Hof von ungefähr zehn Hektaren in Montmollin (NE) übernommen, der zwar seit 1920 im Besitz der Familie, zu dieser Zeit aber verpachtet war. Als Quereinsteigerin aus Überzeugung wurde sie Pionierin bei der Direktvermarktung von Fleisch und Pferdepension.

Vom Fleisch zu den pflanzlichen Eiweissen

Im Jahr 2000 übernimmt Philippe Leuba den Hof. Von seiner Mutter hat er die Liebe zur Erde geerbt und einen tiefen Respekt vor allem Lebendigen. Er hat einen Lehrabschluss als Landwirt in der Tasche und einen immer aktiven Unternehmergeist. Mit der Zeit hört er auf mit der Fleischproduktion und setzt stattdessen auf die Herstellung von Heu für Pferde. Er beginnt mit der Übersaat der Weiden und schont seine Böden. Mit der Übernahme von mehreren benachbarten Parzellen vergrössert er den Betrieb auf 38 Hektaren. 2010 beginnt er auf einer Weidefläche von 20 Hektaren mit Ackerbau. Am Fuss des Jura, auf ungefähr 800 Metern über Meer auf Kalk- und Mergelböden, Moränen- und Kiesablagerungen, wechseln sich sehr flachgründige Böden mit viel Gestein und tiefere Böden ab. Dem Pflügen kritisch eingestellt, betreibt Philippe Leuba eine Landwirtschaft, die den Boden wieder aufbaut.

«Es ist möglich zu säen, ohne vorher den Boden zu bearbeiten, wenn der Boden darunter lebendig ist», beobachtet Philippe Leuba, überzeugt von seinen eigenen Erfahrungen. Mit einer durchdachten Fruchtfolge, Gründüngungen und einem Augenmerk darauf, dass nicht mehr als 20 % der Trockensubstanz vom Feld geholt und wieder mit Kompost ersetzt wird, erreicht er, dass es keine zusätzlichen Nährstoffe zum Beispiel tierischen Ursprungs braucht.

Die Samen der Unabhängigkeit

Nach den Erfahrungen mit Getreide, Raps und Erbsen, wuchs die Lust, speziellere Kulturen auszuprobieren. Weil seine Partnerin Geneviève Robert Zöliakie hat, bot sich Quinoa an. Zudem stieg auch das Interesse bei den Konsument:innen. Das war der Anfang der «Graines de l’Ami Luron», welche sie gemeinsam initiiert haben: ein Sortiment glutenfreier Produkten mit Buchweizen, Hirse, Goldlein, Sonnenblumen, Kichererbsen und Spalterbsen ergänzt durch Hafer, der Avenin enthält, ein Glutenprotein, das Zöliakiepatientinnen und -patienten in der Regel gut vertragen.

An Herausforderungen mangelt es nicht: Die Loslösung von der grossen Lebensmittelkooperative, bei der die Weiterverarbeitung ausläuft, die Investition in einen optischen Sortierer, um die hohe Qualität der Körner weiterhin zu gewährleisten und gleichzeitig die Verluste zu begrenzen, das Einrichten der Anlage, um für Bio-Produzent:innen ebenfalls sortieren und schälen zu können und weil der örtliche Müller kein zugelassenes glutenfreies Mehl herstellen kann, den Kauf einer Astrié-Mühle. All dies erfordert neue Fähigkeiten und Erfahrungen, die es zu erwerben gilt. Ganz zu schweigen von den Unwägbarkeiten des Wetters und den Vertriebskanälen, die in der gesamten Westschweiz aufgebaut und gepflegt werden müssen. Zum Glück können Philippe und Geneviève auf eine Halbtagsangestellte und die Unterstützung der Mutter und des Sohns von Philippe Leuba zählen!

Sich um das Bodenleben kümmern

Corona hat die Möglichkeit von Hofbesuchen, Kursen und den Austausch generell in den letzten beiden Jahren stark eingeschränkt. Glücklicherweise stehen im Internet zahlreiche Ressourcen zur Verfügung. Forschen und Experimentieren schreckt Philippe und Geneviève nicht ab. Das ist die Rolle der Pioniere. Sie bedauern jedoch, dass die Pioniere die Risiken in finanzieller und zeitlicher Hinsicht allein tragen müssen, nicht zu reden von der Energie, die sie in ihre Projekte stecken. Die Konsument:innen sind sich dessen in der Regel nicht bewusst. Auch wenn die Vielfalt der angebauten Kulturen für die Biodiversität und damit für die Böden vorteilhaft ist, mussten sie Risiken eingehen, um schliesslich den Kundinnen diese breite Produktepalette anbieten zu können. Zudem erhielten die Eiweisskulturen bisher keine Einzelkulturbeiträge, wenn sie für die menschliche Ernährung angebaut wurden. Und nicht zu vergessen die Energie, die investiert werden muss, um den Kunden den durchdachten Ansatz der Graines de l’Ami Luron zu erklären, denn das fehlende Knospe-Label erschwert die Vermarktung dieser Nischenprodukte für eine informierte Kundschaft.

Den eigenen Weg gehen

Weder Philippe noch Geneviève lassen sich in eine Schublade stecken. Wenn man sie auf Bio anspricht, sind sie sofort Feuer und Flamme. Sie wollen nicht denselben Weg gehen wie die anderen oder «si omnes, ego non», wie das Familienmotto lautet! Zwar anerkennen sie die Richtigkeit der Grundsätze der Pioniere des ökologischen Landbaus, sind aber der Ansicht, dass die Marke hauptsächlich zu einem Marketinginstrument geworden ist. Ob konventionell oder bio, ihrer Meinung nach sind es nicht die Labels, die gute Praktiken garantieren. Es ist die Art und Weise, wie Landwirte an ihre Arbeit herangehen und sie ausführen, die den Unterschied ausmacht. So seien einige biologisch bewirtschaftete Böden in ihrer Umgebung wesentlich weniger lebendig als die eigenen Böden von Philippe. Er ist nahe an den Bio-Standards, behält sich aber die Freiheit vor, dann zu behandeln, wenn es wirklich notwendig ist. Zudem: Für einige seiner Spezialkulturen gibt es in der Schweiz gar keine zugelassene Behandlung. Es geht deshalb darum, die Entwicklung der Pflanzen gut zu begleiten und sich die Zeit zu nehmen, die Unkräuter zum richtigen Zeitpunkt zu managen.

«Auf dem Weg zu einer widerstandsfähigeren und gesünderen Landwirtschaft, ist das Verbot der Medikamente nicht der erste Schritt. Man muss wieder Leben und soziale Interaktion in den Boden bringen, genauso wie in die Gesellschaft», appelliert Philippe Leuba. Anstatt unsere Kräfte in Grabenkämpfen verschwenden, wer es besser macht und dabei die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, ist es seiner Meinung nach höchste Zeit, die gesamte Denkweise zu ändern und die Lust an der Entwicklung innovativer und brauchbarer Lösungen wiederzufinden. «Es ist absolut zwingend, eine Kreislaufwirtschaft für organische Stoffe zu haben, bei der das Bodenleben im Mittelpunkt steht. Das ist eine Herausforderung, den wir sehr bald angehen müssen, weil die Zerstörung unserer Böden weiter voranschreitet.»

 

Glutenfreie Produkte von les Graines de l’Ami Luron

  • Quinoa ist ein Pseudogetreide aus den Anden, das viel mehr Eiweiss enthält als Teigwaren und Reis, reich an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen ist.
  • Buchweizen ist ein Pseudogetreide, das in China und Zentralasien beheimatet ist. Er ist reich an Proteinen, wasserlöslichen Ballaststoffen mit stark sättigender Wirkung, Vitaminen und Mineralstoffen und enthält außerdem die 8 essentiellen Aminosäuren in einer interessanteren Menge als die meisten anderen Getreidearten.
  • Hirse ist ein Getreide, das hauptsächlich in Afrika und Asien angebaut wird. Sie ist ein energiereiches und nahrhaftes Nahrungsmittel, reich an Eisen, Magnesium, Phosphor und Ballaststoffen.
  • Leinsamen werden seit Jahrtausenden wegen ihrer Fasern, die zur Herstellung von Stoffen verwendet werden, und ihrer Samen angebaut. Goldene Leinsamen enthalten gesunde Fette, Vitamine und Ballaststoffe.
  • Sonnenblumenkerne sind besonders reich an Vitaminen und Nährstoffen und eine wichtige Quelle für essentielle Fettsäuren und Phytosterole.
  • Kichererbsen stammen ursprünglich aus Kleinasien. Sie sind reich an Proteinen, Ballaststoffen, Eisen und Vitamin B9, fettarm und cholesterinfrei, sättigen besser als stärkehaltige Nahrungsmittel und haben einen niedrigen glykämischen Index.
  • Spalterbsen sind reich an Kohlenhydraten, Proteinen und Ballaststoffen und tragen zur Versorgung mit vielen Vitaminen und Mineralstoffen bei.
  • Die Nährstoffzusammensetzung von Erbsen ähnelt weder der einer grünen Hülsenfrucht noch der einer Hülsenfrucht. Sie sind ein sehr komplettes Nahrungsmittel, enthalten weniger Stärke als andere Hülsenfrüchte und sind leichter verdaulich.

 

Dieser Artikel erschien in der Agricultura-Ausgabe 1/2022. Autorin: Anne Berger

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