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Kein Agrotreibstoff auf Kosten von Nahrung


Energie aus pflanzlichen Abfällen und Mist gewinnen, verdient Förderung. Doch wie steht es um die Ökobilanz, wenn der Rohstoff dafür landwirtschaftlich angebaut wird? Wer verhindert einen neuen Schub von Raubbau in Afrika?


Jatropha-Plantagen in Mozambique: Monokulturen statt ökologisch vielseitige Landwirtschaft.

Am Anfang schien es die zündende Idee: Treibstoff aus Pflanzen gewinnen, um Erdöl zu sparen. Doch schon die ersten Projekte deckten die Schwachstellen auf. Und jetzt, wo die Nutzung in industriellen Dimensionen geplant wird, droht ökologisch und sozial nicht die Lösung sondern die Verschärfung des globalen Ungleichgewichtes. Für den Anbau von Treibstoff-Pflanzen sind afrikanische, südamerikanische und asiatische Länder im Visier der europäischen und amerikanischen Investoren. Für die Produktion der Rohstoffe werden Länder gewählt, wo die ansässige Bevölkerung nicht vor Vertreibung durch neue Plantagenbetreiber geschützt ist. Wo den für unser Weltklima unentbehrlichen Regenwäldern die weitere Abholzung droht. Wo die knappe Nahrungsgrundlage der ansässigen Bevölkerung gefährdet ist, weil die Produktion von Nahrungsmitteln verdrängt wird. Nicht selten werden auch die Bauern selbst vom fruchtbaren Land vertrieben.

Zwei Raffinerien für Agro-Treibstoff in Planung
In der Schweiz sind zwei Raffinerieprojekte bekannt: Die Firma Green Bio Fuel Switzerland will in Bad-Zurzach nahe der Grenze zu Deutschland eine Anlage erstellen. Beim Projekt im jurassischen Delémont heisst die Firma Green Bio Energy. In Bad Zurzach soll aus der ölhaltigen Nuss der Jatropha-Staude Agrodiesel hergestellt werden. In Delémont ist die Produktion von Ethanol aus brasilianischem Zuckerrohr geplant. Die Ähnlichkeit der beiden Firmennamen ist nicht zufällig, es sind Schwesterfirmen, hinter welchen unbekannte ausländische Investoren stehen. Beide Firmen wurden gemäss Handelsregister bis Mitte letzten Jahres im Verwaltungsrat als Ein-Mann-AG geführt. Von einem Zuger Juristen, der Spezialist ist für Finanzbeteiligungen.
Wie sollte man unter diesen unternehmerischen Voraussetzungen darauf vertrauen, dass die Rohstoffe für die beiden Anlagen ökologisch und sozial nachhaltig beschafft werden? Für die Raffinerie in Zurzach und andere Investoren werden in Mozambique 170’000 Hektaren Anbaufläche gesucht. Das ist die Hälfte der schweizerischen Ackerfläche. SWISSAID und andere Organisationen, darunter auch die Kleinbauern-Vereinigung, haben eine Studie zur Jatropha-Produktion in Mosambik finanziert. Sie belegt anhand von Erfahrungsberichten von Produzenten, Bildern und Analysen, dass der Jatropha-Anbau in Mosambik unerwünschte negative Effekte erzeugt. Jatropha- Sträucher werden auf fruchtbaren Böden statt marginalen Böden angebaut und sie werden bewässert. Das sind Voraussetzungen, um die Lebensmittelproduktion in einem Land zu verdrängen, in dem Mangelernährung herrscht. Die Studie wurde von der Umweltorganisation Justicia Ambiental (Mitglied der international anerkann ten Organisation Friends of the Earth) und dem Bauernverband des Landes UNAC (Mitglied der internationalen Bauernbewegung La Via Campesina) erstellt. Sie geht auch der von den Jatropha-Promotoren Behauptung nach, die Pflanze könne in Mischkultur mit Mais oder anderen Nahrungspflanzen angebaut werden. Doch wie anfällig ist Jatropha auf Pflanzenkrankheiten und steckt sie Nachbarpflanzen an? Wie viel Kunstdünger und Pestizide werden eingesetzt? Diese Fragen sind ungeklärt. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss: die Jatropha Produktion ist derzeit in Mozambique nicht nachhaltig und trägt nicht zur Entwicklung des Landes bei.

Die giftige Jatropha
Nuss verdrängt die
Nahrungsproduktion.
Im grossflächigen
Anbau braucht
sie Wasser, Kunstdünger
und Pestizide.

Politische Regelung für Importzulassung nötig
Trotz ungeklärter Gesetzeslage für die Rohstoffeinfuhr erteilte die Gemeinde dem Unternehmen für die Agrodiesel-Produktion in Bad Zurzach im Januar die Baubewilligung. Die Rohstoffbeschaffung ist nicht Teil der Umweltverträglichkeitsprüfung. Diese beschränkt sich auf die Anlage und die direkte Umgebung der Gemeinde. Nun ist die Aargauer Kantonsregierung gefragt, den Bau solange aufzuschieben, bis die gesetzlichen Vorgaben zur Zulassung von Agrotreibstoffen auf Bundesebene geklärt sind. Auf der politischen Ebene obsiegt bis jetzt die Überzeugung, dass für den Import von Rohstoffen zur Treibstoffgewinnung Einschränkungen nötig sind. In einem deutlichen Entscheid hat die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK) des Ständerats einer Initiative aus dem Nationalrat Folge geleistet, die strenge Zulassungskriterien für Agrotreibstoffe fordert. Mit 9 zu 0 Stimmen bei 4 Enthaltungen zeigten sich die KantonsvertreterInnen sehr entschlossen. Der Gesetzesvorschlag geht zurück auf einen Vorstoss von Nationalrat Rudolf Rechsteiner, der ein Importmoratorium forderte. Die Zulassungskriterien für Agrotreibstoffe sollen streng sein. Damit trägt die Kommission den bisher mehrheitlich negativen Erfahrungen Rechnung, welche die Bevölkerung in Entwicklungsländern macht. Denn in mehreren Ländern wurden für die Palmöl oder Zuckerrohr-Plantagen Kleinbauern vom Land vertrieben, Wälder gerodet und knappe Wasserressourcen verbraucht. Die Schweiz kann eine Vorreiterrolle übernehmen und solchen Begleiterscheinungen politisch einen Riegel schieben.

Tina Goethe/Herbert Karch


FOTOS: JOSÉ RIBEIRO, MOZAMBIQUE

Unser Link: Jatropha-Studie unter: www.swissaid.ch/agrotreibstoffe

Jüngster Kleinbauer der Schweiz SCHWEIZER LANDWIRTSCHAFT WIE IM BILDERBUCH