Der Tanz ums Holz
Seit 133 Jahren gilt der Grundsatz, dass die Waldfläche in der Schweiz weder gerodet noch verkleinert werden darf. Die Nachhaltigkeit des Waldschutzes ist vorbildlich. Doch in der Holzwirtschaft gibt es Tendenzen zur Europäisierung.
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Sichtbares Zeichen des Umbruchs: Ein EU-Unternehmen fasst Fuss in der Schweiz. Das Holzlager der Grosssägerei in Domat/Ems.
Stellen Sie sich vor: Es ist Sonntag, Sie freuen sich auf einen Spaziergang durch ihren Lieblingswald. Doch welcher Schock: Wo erhabene Bäume standen, steht nichts mehr. Der Wald ist komplett weg. Übrig geblieben sind nur noch Baumstümpfe und Fahrspuren der schweren Maschinen im aufgewühlten Waldboden. Alles ist still, das sonst übliche Vogelgezwitscher verstummt. Ihr Wald fiel einem Kahlschlag zum Opfer. In der Schweiz ist dieses Szenario glücklicherweise nicht möglich. Kahlschlag wird nur in streng geregelten Ausnahmefällen erlaubt. Das Waldgesetz von 1876 bestimmt in Artikel 3: Die Waldfläche soll nicht vermindert werden. Allerdings würden gewisse Kräfte im Holzgeschäft politisch gerne die Axt an diesen Grundsatz legen, denn Holz ist als Bau- und als Brennmaterial wirtschaftlich wieder interessant. Nach dem Vorschlag des Bundesrates hätte das Waldgesetz revidiert werden sollen und neu grosse Kahlschläge (Flächen bis zwei Hektaren) zulassen sollen. So wäre der Einsatz von hocheffizienten Holzernte-Maschinen möglich geworden. Doch der öffentliche Protest war deutlich. Und unter Druck der Wald-Inititative von Franz Weber (mittlerweile zurückgezogen) wurde die Waldgesetzrevision abgebrochen.
Grosse Investoren aus dem europäischen Raum
Die gute Baukonjunktur hat die Nachfrage nach Nutzholz angekurbelt. Gleichzeitig trieb der Erdölpreis auch den Verkauf von Energieholz hoch. Im Schweizer Holzmarkt laufen tief greifende Veränderungen ab. Im April 2007 wurde die erste Grosssägerei im bündnerischen Domat/Ems eröffnet. Die Stallinger Swiss Timber AG ist für die Verarbeitung von 600000 Kubikmeter Rundholz ausgelegt. Pro Werktag wird alle drei Minuten ein Baum zersägt. Der Ableger des österreichischen Konzerns rechnet bei voller Auslastung in zwei Schichten mit 110 Arbeitsplätzen. 2008 betrug die Auslastung über 80 Prozent, der Rohstoff wurde mehrheitlich aus anderen Kantonen und dem Ausland angeliefert. Das Schnittholz wird zur Weiterverarbeitung nach Österreich, in andere EU-Länder und nach Übersee exportiert. Ob zukünftig mehr Holz aus Graubünden verarbeitet wird, muss sich noch zeigen. Der Kanton hat für die Ansiedlung der Grosssägerei Investitionsbeiträge für 7,5 Millionen sowie ein Darlehen von 10 Millionen Franken geleistet, zudem wurden Steuererleichterungen gewährt. Die angestammte Holzindustrie und die gewerblichen Sägereien waren nicht begeistert. Doch beim Tanz ums Schweizer Holz geht dem grossen Unternehmen bereits die Luft aus. Keine zwei Jahre nach der Eröffnung wechselt das neue Sägewerk bereits den Besitzer. Die Stallinger-Kaufmann Gruppe wurde von der ebenfalls österreichischen Mayr-Melnhof Gruppe übernommen. Diese ist grösster privater Forstbesitzer in Österreich und Eigentümer mehrerer europäischer Grosssägereien und Holzverarbeitungsbetriebe. Welche Änderungen der Besitzerwechsel für das relativ kleine Werk in Domat/ Ems mit sich bringen wird, ist ungewiss.
Krisensymptome drehen am Besitzerkarussell
Ob auch im Mittelland eine Grosssägerei entsteht? Die Schweizer Investoren planen in Luterbach/SO schon länger, die Grösse ist vergleichbar mit Ems. Doch nach der Schiessung der benachbarten Zellstofffabrik Borregaard durch das norwegische Mutterhaus hat sich die Situation geändert. Auf einen Schlag fällt der Abnehmer für 40–45 Prozent der zukünftigen Produktion der Sägerei weg. Die damalige Zellulosefabrik war von Christoph Blocher übernommen und später an die Norweger verkauft worden. Von den aktuell in der Schweiz geschlagenen 3,6 Millionen Kubikmeter Stammholz, werden etwa zwei Drittel im Inland verarbeitet, der Rest wird ausgeführt. Die Sägereibranche begründet die aktuellen Ausbaupläne damit, dass eine höhere Wertschöpfung im Inland erreicht werden kann. Die Nachfrage nach Rohholz würde jedoch bereits in wenigen Jahren über dem nachhaltigen Nutzungspotential der Schweizer Wälder liegen. Nachher müsste vermehrt im Ausland dazu gekauft werden. Der Holzmarkt ist von vielen Faktoren abhängig: Holzpreis, Konkurrenzlage, Konjunktur, Sturmfolgen. Wegen der aktuellen Finanzkrise verlangen wichtige Abnahmeländer der Schweiz bereits deutlich weniger nach Rundholz oder Holzprodukten. Im Ausland wurden Grosssägereien teilweise stillgelegt oder geschlossen. Findet der Holzmarkt Schweiz wieder zu dezentralen und stabileren Strukturen?
Martin Baumann
Auch im Plenterwald können Holzerntemaschinen eingesetzt werden.
Waldnutzung und Ökologie
● Plentern heisst die nachhaltige Holzschlagart. Im Gegensatz zum Kahlschlag werden einzelne Bäume herausgeschlagen. Junge Bäume wachsen in die Lücken.
● Artenvielfalt: Gesunder, massvoll genutzter Wald bereichert die Artenvielfalt.
● CO2-Senke: Wald reinigt die Luft und gilt deshalb als CO2-Senke. Er liefert CO2-neutralen, nachwachsenden Rohstoff zur Energiegewinnung und zum Bauen. Junge Bäume können wesentlich mehr CO2 aus der Luft binden. Deshalb ist nachhaltige Waldnutzung sinnvoll.
● Holz-Label: Konsumenten sollten vermehrt auf Ressource Holz setzen, dabei aber auf Umweltverträglichkeit achten (z.B. FSC-Label).
● Unternutzung: Der Holzvorrat im Schweizer Wald hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Schwer zugängliche Wälder werden unternutzt.
● Regionale Holzwirtschaft: Diese ist verlässlicher Partner der Waldbesitzer und bietet auch Nebenerwerbsmöglichkeiten für Bauern.
● Waldbesitz: Die Waldfläche beträgt rund 10 000 Quadratkilometer. Ein Viertel verteilt sich auf über 200 000 private Waldbesitzer.
FOTOS: KEYSTONE/ARNO BALZARINI, PETER SCHNEIDER