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Wenn Spekulation die Preise hochtreibt



Endlich ein Preisaufschlag! Bauernfamilien freuts, dass der Milchpreis nach jahrelangem Abwärtstrend jetzt klettert. Doch wer gewinnt, wenn im internationalen Agrarhandel Profitgier und Spekulation die Preise hochtreiben?

Über 30 Prozent Rendite verspricht am Telefon der Client Relationship Manager von der Gold Trust Finance AG mit Sitz in Dübendorf. Drängend und mehrmals innerhalb von wenigen Tagen erreichen uns die Telefonanrufe. Wer jetzt ins Termingeschäft mit Agrarrohstoffen einsteige, gewinne fast garantiert. Die frohe Botschaft richtet sich nicht nur an Grosskapitalisten. Ab einem Betrag von 6000 Franken können Privatpersonen bei Geldanlagen der Gold Trust mitmachen. Mit einem vertraulich klassierten Brief und illustriertem Prospekt wurden wir einige Tage vorher auf ausführliche Informationen über die attraktiven und komplexen Anlageinstrumente vorbereitet.


Die wundersame Vermehrung

+ 6 Rappen

Aus 6 Rappen Milchpreiserhöhung für die Bauern werden ...

+ 10 Rappen

... 10 Rappen Milchpreiserhöhung bei den KonsumentInnen



Was ist der Hintergrund dieser «interessanten Investitionsmöglichkeit im Anlagespektrum Agrarrohstoffe» (Zitat Brief)? Die Gold Trust Finance AG macht keine Umschweife: Angesichts des Klimawandels, des globalen Bevölkerungszuwachses und des rasanten wirtschaftlichen Aufstieges von grossen Volkswirtschaften wie China und Indien erfreuen sich Agrarrohstoffe einer stetig steigenden Nachfrage. Das bedeutet für die Erwartung der Investoren: Agrargüter und Nahrung werden knapper und die Preise steigen. Die Börse boomt, dank Klimawandel und Chinahandel. Was für den ärmeren Teil der Menschheit die Existenzprobleme verschärft, ist gut für die Börse. Dass weltweit die Lebenshaltungskosten als Folge der Preisspirale steigen, verneint der Client Relationsship Manager am Telefon nicht, aber wer schlau genug sei, könne finanziell überdurchschnittlich partizipieren! So funktioniert die Marktwirtschaft, belehrt uns der ganz auf Business getrimmte Manager. Ob das sozial und ethisch zu verantworten sei? Der Mann ist baff, ob dieser völlig deplazierten Frage.

Nahrung darf kein Spekulationsobjekt sein
Der besagte Farbprospekt verschweigt – im kleiner gedruckten – nicht, dass man beim Spekulieren Gewinn, aber auch Verlust machen kann. Mehr als 15 Prozent des Vermögens, empfiehlt die Gold Trust Finance AG, solle man nicht aufs Spiel setzen. Gibt es auch ethische und ökologische Gründe, sich die Geldanlage in Agrarrohstoffe reiflich zu überlegen? Bei dieser Frage hilft der Prospekt nicht weiter. Nur der Hinweis, dass es Warentermingeschäfte seit 1875 gibt. Man kann die Aufgabe der Rohstoffbörsen durchaus positiv würdigen. Sie sind Instrument für den weltweiten Warenaustausch. Bei normalen Renditeerwartungen gleichen Warentermingeschäfte Preisschwankungen sogar aus. Doch wer mit Rohstoffen für Nahrung spekuliert – bei 30 Prozent Renditeerwartung handelt es sich eindeutig um Spekulation – ist auf raschen Profit fixiert und blendet ethische Überlegungen aus. Die Kleinbauern-Vereinigung verfolgt die Entwicklung mit kritischem Blick. Wir jubeln werder offen noch heimlich über die weltweite Agrarpreiserhöhung. Am täglichen Brot sollen nicht Risikokapitalisten das grosse Geld verdienen. Das muss auch den Bäuerinnen und Bauern ein Anliegen sein. Wir müssen unterscheiden: Es gibt Preisaufschläge, die gerechtfertigt und verkraftbar sind und solche, die mit sozialen Massstäben nicht vereinbar sind. Gerechtfertigte Preisaufschläge für eine fairere Bezahlung der Produzierenden werden in der Bevölkerung akzeptiert. Der Genuss an Lebensmitteln soll ohne bitteren Beigeschmack sein. Der Preis für unsere Nahrung darf nicht mit Ausbeutung von LandarbeiterInnen im Süden oder mit bäuerlicher Verelendung in der Schweiz erkauft sein. Wenn aber, wie dies in den letzten Monaten der Fall war, der Welthandelspreis für Soja oder Milchpulver innert kürzester Zeit in die Höhe katapultiert, dann geht es nicht um fairen Handel. Dann geht es um schnellen Profit in die Hände von Leuten, die mit der Produktion oder Verarbeitung von Nahrung nichts zu tun haben.

6 Rappen für die Milchbauern, 10 Rappen für die Konsummilch
Noch halten sich die Preisbewegungen am schweizerischen Lebensmittelmarkt in Grenzen. Es gibt keine Aufschläge von dreissig oder mehr Prozenten wie für Milch und Butter in Deutschland. Der häufig kritisierte schweizerische Agrarzollschutz zeigt für einmal eine positive, stabilisierende Wirkung. Allerdings haben Milch und Brot im Preis aufgeschlagen. Migros und Coop läuteten die Preisrunde bei Milch und Butter ein, noch bevor die Milchbauern zum Zug kommen. Dabei wird die Handelsmarge miterhöht. Allerdings muss sich der Verband der Schweizer Milchproduzenten selbst an der Nase nehmen: Wer für die Milchbauern sechs Rappen aushandelt, bürdet den Konsumenten wissentlich vier zusätzliche Rappen für den Zwischenhandel auf. In Schweizer Geschäften werden Produkte nicht um einzelne Rappen, sondern um mindestens fünf oder zehn erhöht. Die Kleinbauern-Vereinigung versteht, dass Konsumentenorganisationen die Lebensmittelpreiserhöhungen nicht kritiklos hinnehmen. Wenn Spekulation oder Päcklipolitik zwischen Landwirtschaftsverbänden und Zwischenhandel dahinter stecken ist der Ärger berechtigt. Für die Kleinbauern-Vereinigung ist die Solidarität zwischen Bauern und Konsumenten keine Einbahnstrasse. So wie die Bauern in der Landwirtschaftspolitik an das Verständnis der Konsumentinnen und Konsumenten appellieren, gilt derselbe Anspruch auf Fairness in der Preispolitik auch umgekehrt.
Herbert Karch

Agrarfreihandelsabkommen mit der EU?
Das nächste ÖKOLOGO beschäftigt sich mit dem Agrarfreihandelsabkommen, das der Bundesrat mit der EU anstrebt. Die Kleinbauern-Vereinigung will zusammen mit der Agrar-Allianz die Landesregierung von einer Verhandlungsstrategie überzeugen, die ökologische und soziale Anliegen den Wirtschaftsinteressen gleichstellt.



FOTOS: RDB/DANIEL AMMANN; RDB/REUTERS/MAX ROSSI;COMSTOCK IMAGES

Mehr Armut, Hunger und Umweltzerstörung Kopfbäume pflegen ist Kulturarbeit