Getreide soll gentechfrei bleiben
Seit Mitte Mai liegen drei Gesuche für Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Weizenpflanzen beim Bundesamt für Umwelt auf. Die Kleinbauern-Vereinigung hat kein Verständnis für Gentech-Experimente an Getreide.
Kurz vor dem Abstimmungserfolg der Gentechfrei-Initiative im Herbst 2005 gleiste Bundesrat Couchepin, noch im Glauben die Initiative zu bodigen, ein nationales Forschungsprogramm über «Nutzen und Risiken der Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen» auf. Die Regierung bewilligte 12 Millionen Franken an den Schweizerischen Nationalfonds. Dieser stellte Ende Mai die ausgewählten Projekte des NFP 59 vor. Rund 3 Millionen Franken gehen an ein Konsortium von Weizenprojekten von ETH und Universität Zürich, geleitet von Professoren, welche die Gentechfrei-Initiative aktiv bekämpft hatten. Zum Forschungsprogramm hat die Kleinbauern-Vereinigung kritisch Stellung bezogen: Die vorrangige Berücksichtigung der Weizen-Projekte steht in Widerspruch zur Forderung, dass das Forschungsprogramm landwirtschaftlich relevante Sicherheitsfragen abklären soll. Da erfreulicherweise nirgendwo auf der Welt Gentech-Getreide angebaut und vermarktet wird, leuchtet die Wahl von Weizen als Forschungsobjekt nicht ein. Hinzu kommt, dass weder für die Abklärung einer verbesserten Resistenz gegen Mehltau noch für Untersuchungen über Genflüsse von Getreide zum zylindrischen Walchgras ein drängendes Bedürfnis von Seiten der Schweizer Landwirtschaft besteht. Das Gras kommt vor allem in Nordamerika vor, die Ausbreitung von Mehltau auf Getreide haben wir mit der Züchtung standortgerechter Sorten und dank vielfältiger Fruchtfolge unter Kontrolle. Die Auswahl des NFP 59 provoziert den Vorwurf, dass an den Bedürfnissen der Landwirtschaft vorbei geforscht wird. Unsere Kritik ist umso begründeter, als bei der Auswahl der Forschungsprojekte dasjenige Projekt-Cluster nicht berücksichtigt wurde, von dem wir uns Antworten auf besonders brennende Fragen erhofft haben. Die Projekte um das ETH-Institut für Integrative Biologie konzentrierten sich auf Bt-Mais. Es sollten mögliche Nebenwirkungen von Gentech-Mais erforscht werden, der durch gentechnische Einschleusung eines Bodenbakterium- Gens in der Pflanze Insektengift produziert. Insbesondere fehlen weltweit realistische Fütterungsversuche über längere Zeit (siehe Box). Das NFP 59 lässt für schweizerische Bauernbetriebe mit relativ geschlossenem Futterkreislauf trotz 12 Millionen Franken eine Forschungslücke offen.
Freisetzungsversuche müssen das Gentechnikgesetz erfüllen
Die Gesuche für die Experimente im Freiland reichten die Gentech-Forscher schon zwei Wochen vor der Bekanntgabe derNFP-Projekte ein. Zu diesen Gesuchen hat die Kleinbauern-Vereinigung die folgende Haltung:
1. Wir wünschen im Prinzip keine Versuche mit Gentech-Pflanzen ausserhalb von geschlossenen Anlagen.
2. Das Moratorium der Gentechfrei-Initiative erlaubt wissenschaftliche Freisetzungsversuche, wenn die Anforderungen des Gentechnikgesetzes erfüllt werden. Insbesondere müssen Vorversuche im Labor und in Gewächshäusern Risikofaktoren ausschliessen.
3. Das BAFU darf keine Bewilligungen nach beschleunigtem Verfahren (unter Berücksichtigung ausländischer Vorversuche) erteilen.
4. Sollten Versuche mit Gentech-Weizen bewilligt werden, muss der Schutz der Getreideproduktion in der Umgebung gesichert sein.
Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden, wird die Kleinbauern-Vereinigung die Einsprachemöglichkeiten gegen die Gentech-Versuche nutzen und öffentlich machen. Werden Versuche durch das BAFU bewilligt, werden wir die Experimente weiter kritisch begleiten. Dazu fühlen wir uns nach dem Erfolg der Gentechfrei-Initiative verpflichtet. Wir versuchen parallel dazu über einen Vorstoss im Parlament, Forschungsmittel im Bundesamt für Landwirtschaft für die abgewiesenen Bt-Mais-Projekte zu mobilisieren. Diese Forderung stösst, so lässt die Antwort auf eine Interpellation von Nationalrat Josef Kunz (SVP/LU) schliessen, bereits auf Widerstand im Bundesrat.
HK
Die Lücke im Nationalen Forschungsprogramm NFP 59:
Welches Risiko mit Gentech-Mais?
| Schon bei der Zwischenevalution anhand der Projektskizzenhat die vom Nationalfonds eingesetzte Jury die Eingaben des ETH-Institutes für Integrative Biologie zum Themenbereich BT-Mais abgewiesen. Nur noch einzelne Projekte des Forschungskonsortiums um die bekannte, gentechnikkritisch eingestellte Zürcher Wissenschafterin Angelika Hilbeck blieben in der weiteren Auswahl. Über die Gründe kann man nur rätseln. Beim Auswahlverfahren gelten rigide Diskretionsvorschriften. An der Notwendigkeit und Aktualität der Forschungsinhalte kann es nicht gelegen haben. Die Frage der Verträglichkeit von Bt-Mais als Futter in – für die Schweiz typischen – Betrieben mit einem relativ geschlossenen System «Futterbau-Tiere-Hofdünger-Futterbau-usw» ist spätestens seit dem Fall Glöckner in Deutschland von brennendem Interesse. Der Tod von einem Dutzend Milchkühen und Erkrankungen im Bestand des Bauern, der vom Gentech-Fan zum Gentech-Gegner wurde, wurde nie aufgeklärt. Der Betroffene ist heute wirtschaftlich und psychisch ruiniert. | Warum der Entscheid gegen die Bt-Mais-Risikoforschung? Das Kriterium «neue Forschung» sei nicht erfüllt gewesen. Mit diesem Argument rechtfertigt die Leitung des NFP 59 den Entscheid gegen die Bt-Mais-Forschungsprojekte. Es gibt weltweit aber nur rund zwanzig publizierte Studien über Verfütterung, meist mit Ratten und Kurzzeitversuche. Mit Kühen gibt es drei amerikanische Studie, alle vom Gentech-Konzern Monsanto mitfinanziert. Verschiedene Ratten- Versuche deuten auf Probleme im Bereich innerer Organe. In der EU tobt eine heftige Auseinandersetzung um die Anbau- Zulassung von Bt-Mais. Der deutsche Landwirtschaftsminister Seehofer verlangt weitere Abklärungen und hat defacto einen Anbaustopp verfügt. Die schweizerischen Forschungen wären also auch für die Behörden in den benachbarten EU-Ländern von Interesse gewesen. Nationalrat Josef Kunz (SVP/LU) hat in einer Interpellation an den Bundesrat Fütterungsversuche gefordert. Jetzt nach dem NFP-Entscheid ist ein zweiter Vorstoss nötig. |
FOTOS: RDB/CHRISTIAN LANZ; RDB/ANTON J. GEISSER; RDB/FRITZ GRUNDER; RDB/FRITZ BERGER; DORIS KARCH