Die Landschaften als wertvolles Gut erhalten
Die eidgenössische Volksinitiative «Raum für Mensch und Natur» (Landschaftsinitiative) fordert die haushälterische Nutzung des Bodens, eine geordnete Besiedelung sowie den Schutz des Kulturlandes. Für die Landwirtschaft ist letzteres überlebenswichtig.
Jede Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter Boden für Siedlungszwecke gebraucht, das heisst überbaut oder für Strassen zubetoniert. Vom Bodensee bis zum Genfersee entstehen jährlich 12 000 neue Gebäude. Obwohl in den noch gar nicht genutzten Bauzonen zusätzlich rund 2,5 Millionen Menschen leben könnten, werden die Bauzonen weiter ausgedehnt. Die Zersiedelung haben nicht nur Auswirkungen auf Natur und Umwelt, sondern auch auf die Wirtschaft: Die Bereitstellung der erforderlichen Infrastrukturbauten ist teuer, vor allem im Transportbereich kosten die länger werdenden Distanzen viele öffentliche Mittel. Mit der Landschaftsinitiative soll die kommende Revision des Raumplanungsgesetzes beeinflusst werden. Für die Landwirtschaft bedeutet jede überbaute Parzelle ein Verlust an Nutzflächen. Die Bewirtschaftung wird durch ausufernde Besiedelung eingeschränkt. Hinzu kommen Nebeneffekte, zum Beispiel begünstigt die Zubetonierung des Bodens Überschwemmungen. Die Menschen sind aber nicht die einzigen, für die es ohne genügend Lebensraum eng wird: Wildtiere, Kleinlebewesen und Pflanzenarten geraten unter Druck.
Dank besserer Planung weniger Landverschleiss
Die heutige Lebensweise erfordert attraktive und vernetzte Lebensräume. Räume, in denen Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, Freizeit und Erholung gleichermassen möglich sind. Die Gesellschaft ist mobil, das löst Verkehr aus. Die Arbeitsplätze kon- zentrieren mehr und mehr auf die Zentren und Agglomerationen. Als Folge wachsen die Verkehrsprobleme. Diese können nur gelöst werden, wenn die Siedlungsentwicklung verstärkt auf Standorte ausgerichtet wird, die gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen sind. Es braucht also Siedlungs- und Verkehrsplanungen, die besser aufeinander abgestimmt sind. Die fehlende Zusammenarbeit ist einer der Hauptgründe für diese Situation. Gegenwärtig liefern sich die Gemeinden und Kantone einen erbitterten Steuerwettbewerb. Mit Bauland am Rand ihrer Zentren werden gute Steuerzahler umworben. Die zusätzlichen Kosten für die notwendige Infrastruktur werden ausgeblendet und die damit verbundenen Umweltbeeinträchtigungen vernachlässigt. Das Landwirtschaftland ist dabei nicht einfach planerische Restfläche. Man darf nicht vergessen, dass ein Viertel aller Gebäude ausserhalb von Bauzonen stehen. Aufgegebene Bauernhöfe und alte Gebäude dienen nicht mehr der Landwirtschaft. Die Umnutzung bietet den Bauernfamilien Einkommensmöglichkeiten. Das Parlament hat zwar die geltenden Bestimmungen für Altgebäude ausserhalb der Bauzone gelockert, damit aber auch den Grundsatz der klaren Trennung zwischen Bauzone und Nichtbauzone geschwächt. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein einziges, von der Raumplanungsbehörde abgelehntes Umbaugesuch mehr Protest auslöst, als die schleichende Aushöhlung der Grundlage dafür, dass Bauernbetriebe beim Erbgang zu günstigen Bedingungen übernommen werden können. Die Übergabe des Betriebes von einer Generation zur andern wäre wirtschaftlich nicht mehr möglich, wenn Landwirtschaftsland dank Trennung durch die Raumplanung nicht zehn- oder zwanzigmal billiger ist als das teure Bauland. Der Druck auf den Boden ist gross. Wirtschaftsverbände fordern allen Ernstes die Aufgabe der Raumplanung. Das schweizerische Mittelland könne zu einer Stadt im Zentrum Europas werden. Um diesem Trend Einhalt zu gebieten, wurde eine eidgenössische Volksinitiative lanciert, für die seit Mitte Juli Unterschriften gesammelt werden. Auch die Kleinbauern-Vereinigung unterstützt die Initiative, darum liegt ein Unterschriftenbogen dieser Ökologo-Ausgabe bei.
Haushälterische Bodennutzung gefordert
Die Initiative «Raum für Mensch und Natur» hat die haushälterische Nutzung des Bodens, eine geordnete Besiedelung sowie den Schutz des Kulturraumes zum Ziel. Die «Landschaftsinitiative », wie sie in der Kurzform heisst, ist faktisch eine Moratoriumsinitiative. Sie verlangt, dass in den nächsten zwanzig Jahren die Gesamtfläche der Bauzonen nicht mehr zunimmt. Neueinzonungen sollen nur noch möglich sein, wenn andernorts flächengleiche Auszonungen erfolgen. Vorbild ist das schweizerische Waldgesetz. Zweitens will die Initiative, dass sich der Bund nicht aus der Verantwortung für die Raumplanung verabschiedet. Bund und Kantone sollen gemeinsam die Verantwortung für den haushälterischen Umgang mit dem Boden übernehmen. Drittens will die «Landschaftsinitiative» die Siedlungsentwicklung nach innen fördern und – viertens – verhindern, dass der Schutz des Kulturlandes aufgegeben wird. Landwirtschaft und Natur gehören zusammen: Viele Pflanzen- und Tierarten sind bedroht, weil ihr Lebensraum ständig schrumpft und von Bauten oder Verkehrswegen zerschnitten wird. Eine sorgfältige und vorausschauende Planung kann Siedlungen so gestalten, dass Landschaften erhalten bleiben und wohnliche Quartiere entstehen.
Rb
FOTOS: MICHAEL STAHL; DORIS KARCH
