Gesunde Äcker,
keine «Killing fields»
DIE GENTECHFREI-INITIATIVE KURZ VOR DER ABSTIMMUNG VOM 27. NOVEMBER
Aus Schweizer Böden wachsen gentechfreie Produkte. Das soll so bleiben.
Die Gentechfrei-Initiative verlangt ein fünfjähriges Moratorium. Es soll die Schweiz vor bekannten Schäden und vor möglichen Umwelt- und Gesundheitsrisiken der Agro-Gentechnik bewahren. Bis heute produziert unsere Landwirtschaft gentechfrei – und so soll es bis 2010 auf jeden Fall bleiben.
Die Argumente der Moratoriumsgegner kippen in den letzten Wochen vor der Abstimmung über die Gentechfrei-Initiative in Gehässigkeit und Zynismus über: «Was ist denn mit all den Landwirten, die weltweit bereits GVO-Produkte einsetzen? Sind das alles Vollidioten?
Nein, sie richten sich nach dem Markt.» So polterte SVP-Nationalrat Hermann Weyeneth einem Interview im Tages Anzeiger. Doch wer sich in den Ländern des Südens und Ostens auf die Versprechungen der Gentech-Lobby einliess, muss sich tatsächlich die Frage stellen, ob er nicht über den Tisch gezogen wurde. Schon gibt es Fälle, wo die Fehlbeurteilung mit dem Verlust des gesamten Hab und Guts bezahlt wurde oder, wie Beispiele in Indien erschreckend aufzeigen (siehe untenstehenden Bericht), sogar mit dem Leben.
In Ländern mit grossflächigem Anbau von Gentech-Kulturen werden die Schäden immer deutlicher sichtbar. Mit Agro-Gentechnik wurden vor allem Mais-, Soja- und Raps- und Baumwollsorten entwickelt, die gegen bestimmte Unkrautvertilger unempfindlich sind («herbizidresistent»). So können chemische Spritzmittel vom Flugzeug aus versprüht werden, die ausser der resistenten Gentech-Pflanze fast alles abtöten. Es trifft nicht nur «Unkräuter». Vögel, Schmetterlinge und Insekten leiden mit, sie finden weniger Futterpflanzen, als Folge nimmt die Artenvielfalt ab. Die Schweizer Landwirtschaft hat sich für den ökologischen Weg entschieden. Seit Jahren sind der Verbrauch von chemischem Dünger und Pflanzenschutz rückläufig.
In der Saatzucht wird intensiv nach möglichst widerstandsfähigen Sorten gesucht. Mengenertrag und Gesundheit der Pflanzen müssen in einem Gleichgewicht stehen. Erste Erfolge bei Getreide und Kartoffeln, die ohne Genmanipulation erzielt werden konnten, sind sehr ermutigend. In den letzten Jahren konnten verschiedene neue Sorten auf den Markt gebracht werden, die sich für biologischen Anbau eignen.
Nebeneinander nicht möglich
Auch in der Schweiz kämpft die Landwirtschaft ums Überleben. Gegen den internationalen Preisdruck haben unsere Bauern nur eine Chance, wenn sie besonders gute Qualitätsprodukte liefern. Schon wenige Äcker mit Gentech-Kulturen wären ein kaum lösbares Problem für alle Nachbarbauern, die gentechfrei produzieren wollen. Ein Ja zur Initiative hält Gentech-Sorten von der Schweiz fern. Gentechnik ist zu riskant, um heute in der Landwirtschaft eingesetzt zu werden. Ein Ja zum Moratorium gibt fünf Jahre Zeit zum Forschen und Überprüfen. Die Erkenntnisse aus dem Ausland können uns helfen, nicht die gleichen Fehler zu begehen. Wir wollen nicht, dass aus Äckern «killing fields» werden.
Remi Buchschacher
Weil ihnen die Argumente gegen die Gentechfrei-Initiative fehlen, reagieren sie mit Gehässigkeit:
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Beda Stadler, Berner Immunologie-Professor richtet seinen Zorn auf Simonetta Sommaruga. Dabei schreckt er nicht vor fiesesten Methoden zurück. Auf seiner Powerpoint-Präsentation zeigt er die Berner Ständerätin mit Salatohren und versucht damit Gymnasiasten zu erheitern. In der Weltwoche gibt man ihm drei Seiten, um gegen die beliebteste Politikerin im Kanton Bern vom Leder zu ziehen. |
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Hermann Weyeneth, Napoleon der Berner SVP, vergisst in den letzten Monaten seiner Politkarriere einiges, auch die Anstandsregeln. Den Schweizerischen Bauernverband bezichtigt er der groben Verletzung von Delegiertenbeschlüssen, weil ihm die Unterstützung der Gentechfrei-Initiative durch die Dachorganisation der Bauern nicht passt. Dass die Landwirtschaftskammer (das Bauernparlament) 2003 die Unterstützung der Gentechfrei-Initiative beschloss, streicht er aus dem Gedächtnis. Auf Podien lügt er zur negativen Stimmungsmache daher, in Toblerone habe es bereits Gentech-Sojalecithin (was er später widerrufen muss). |
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Klaus Ammann, emeritierter Uni-Botaniker und enger Freund der Monsanto-Manager sieht rot, wenn von Greenpeace die Rede ist. Die möchte er gerne mit Verbalattacken provozieren, bis sie ihn einklagen. Es kränkt sein Ego, dass ihm die weltweite Umweltorganisation den Gefallen nicht tut und ihn einfach ignoriert. |
In Indien bezahlen Bauern mit dem Leben
Weil in Europa die Bäuerinnen und Bauern gegenüber der Agro-Gentechnik skeptisch sind, suchte die Gentech-Industrie nach anderen Absatzmärkten. Zum Beispiel in Indien. Nirgendwo in Südindien wird so viel Baumwolle angebaut wie im Bundesstaat Andhra Pradesh. Anfang der 80er Jahre wurde Andhra Pradesh von der «grünen Revolution» erfasst. Cash-Crops hiess das Zauberwort: Landwirtschaftliche Produkte, die Bauern nicht primär für den Eigenkonsum, sondern für den Verkauf anpflanzen: Tabak, Tee, Reis und Baumwolle. Saatgutkonzerne lieferten die entsprechenden Sorten und dazu das Zubehör: Kunstdünger und Pestizide.
Das Geschäft lief anfangs gut, bis zur unvermeidlichen Krise: Die Pflanzenschädlinge wurden gegen die Chemie resistent, neue und teurere Pestizide kamen auf den Markt. Die Bauern in Andhra Pradesh gerieten in die Schuldenfalle. Mit der durch die WTO erzwungenen Marktöffnung Indiens fielen mit den Missernten auch noch die Preise für Baumwolle und andere Cash-Crops. Zweistellige Zinsprozente an die Gläubiger trieben und treiben viele Bauernfamilien in den finanziellen Ruin.
2002 kam dann das gentechnisch modifizierte BTBaumwollsaatgut auf den Markt. Vom Hersteller und US-Multi Monsanto als resistent gegen den Baumwollkapselwurm, den ärgsten Feind der Pflanze, angepriesen. Die verzweifelten Bauern waren für solche Hoffnungen empfänglich. Zwar erfüllten sich schon in den ersten zwei Jahren die Versprechen nur teilweise. Auch bei BT-Baumwolle mussten Pestizide eingesetzt werden. Aber die Ernte war recht ertragreich.
Fatale Folgen der Leichtgläubigkeit
Im vergangenen Jahr kam es zum Desaster. Auf 25 000 Morgen Land, auf denen Kleinbauern die BTBaumwolle gepflanzt hatten, gab es eine völlige Missernte. 10 000-12 000 Familien stehen vor dem Nichts. Seit Jahren begehen immer mehr Bauern Selbstmord. Die meisten nehmen als Gifttrunk eine hohe Dosis Pestizide, das einstige Symbol des Fortschritts. Allein im Bundesstaat Andhra Pradesh nahmen sich im vergangenen Jahr mehr als zweitausend Menschen das Leben, darunter besonders viele Bauern aus den Baumwollregionen, die von indischen Tageszeitungen als «Killing fields» (Felder, die Tote hinterlassen) bezeichnet werden.
Während der Konzern bis heute an der These festhält, es läge am falschen Umgang der Bauern mit dem Saatgut und mangelnder Bewässerung, erklärten die Bauernorganisationen das Saatgut des Konzerns dafür verantwortlich und machten Druck auf die Regierung ihres Bundesstaates. Im Mai dieses Jahres sah sich nun auch die zentrale Zulassungsbehörde für Gentechnik in Neu Delhi gezwungen, die Genehmigung für das BT-Saatgut aus dem Jahre 2002 nicht zu verlängern. Das Verkaufsverbot gilt für mehrere Gentech-Sorten.