Keine Scheinlösungen
In einer der nächsten Sessionen wird sich der Nationalrat mit dem Gentechfrei-Moratorium auseinander setzen. Dabei geht es darum, die ständerätliche Ablehnung wieder ins Positive zu kehren. Das Parlament läuft sonst Gefahr, am Volk vorbeizupolitisieren.
Noch ist die schweizerische Landwirtschaft gentechnikfrei.
Das könnte sich bald ändern. Denn das Gentechnikgesetz
erlaubt grundsätzlich den Anbau
von gentechnisch veränderten Pflanzen. Erfreulicherweise
hat bis heute kein einziger Gentech-Konzern ein Gesuch
gestellt, um Gentechnik-Pflanzen in der Schweiz zum Anbau
einführen zu können. Auch kein Landwirt hat sein Interesse
zum Anbau von Gentech-Pflanzen angekündigt.
Die Verwendung von Gentechnik-Pflanzen würde in der Schweiz
mit ihrer kleinräumig strukturierten Landwirtschaft zu riesigen
Konflikten führen. Denn Pollen machen nicht an der Parzellengrenze
halt, sondern werden – je nach Kulturpflanze – über
eine gewisse Distanz, bei Raps über mehrere Kilometer weit,
verfrachtet. Dabei können Kulturen mit gentechnisch veränderten
Organismen auf gentechnikfreie Felder gelangen und diese
Kulturen genetisch verunreinigen.
Wenn wir wollen, dass in absehbarer Zeit in der Schweiz Lebensmittel
ohne Gentechnik produziert werden, müssen wir heute
handeln. Dafür braucht es möglichst viele Landwirte, die auf
den Einsatz von Gentechnik-Pflanzen verzichten. Und es braucht
das Moratorium, dass die Kulturen dieser Landwirte vor unkontrollierter
Übertragung von Gentech-Organismen schützt.
Politischer Druck ist notwendig
Gerade jetzt braucht es politischen Druck, um den schleichenden
Einzug von Gentech-Pflanzen zu verhindern. Die nationalrätliche
Kommission Wissenschaft, Bildung, Kultur hat sich mit
13 zu 10 Stimmen für das Gentech-Moratorium ausgesprochen,
das die Gentechfrei-Initiative verlangt. Dieser Entscheid deckt
sich mit dem breit abgestützten Wunsch der Bauern und Konsumenten
für Lebensmittel aus gentechnikfreier Schweizer
Landwirtschaft. In der nächsten oder übernächsten Nationalratssession
geht es nun darum, das positive Resultat auch im
Plenum zu erreichen. Von den 200 VolksvertreterInnen haben
sich bis heute 88 im Unterstützungskomitee der Gentechfrei-
Initiative eingeschrieben. Wenn ein Sieg gelingt, könnte der
unverständlicherweise negative Entscheid des Ständerates
(32 Nein gegen 7 Ja) ausgeglichen werden. Zuletzt wird aber
in jedem Fall das Volk Stellung nehmen können: Voraussichtlich
am 27. November 2005 oder am 12. Februar 2006. Siebzig
Prozent der Schweizer Bürgerinnen und Bürger wollen keine
Gentechnik, weder in der Landwirtschaft noch bei Lebensmitteln.
Das haben entsprechende Umfragen ergeben. Dieser
Wert ist über Jahre stabil und auch in anderen europäischen
Ländern auf dieser Höhe.
Die Agro-Gentechnik hat einer nachhaltig betriebenen Landwirtschaft
keine nützlichen Produkte anzubieten. Ökologische
Fortschritte der letzten Jahre, zum Beispiel der Rückgang beim
Verbrauch von Agrochemikalien, werden durch Anwendungen
von Agro-Gentechnik, die in Kombination mit Gift wirken, in
Frage gestellt. Gentechfreie Produktion nach IP- und Bio-Richtlinien
hingegen kann die Chancen der schweizerischen Landwirtschaft
am Inland- und Exportmarkt verbessern. Das neue
Markenzeichen «Suisse garantie!», das seit letztem Jahr auf
den Schweizer Produkten erscheint, garantiert unter anderem
eine Produktion ohne Gentechnik! Konsumenten wollen darauf
vertrauen, dass Lebensmittel von Landwirtschaftsbetrieben
stammen, welche die Natur respektieren.
Es ist absolut möglich, ohne Gentechnik Erfolge bei der Schädlingsbekämpfung
zu erzielen. Es gibt Lock- und Abwehrstoffe,
die biologisch verträglich sind. Zudem sind erste Schäden durch
Insekten immer ein Signal für Bewirtschaftungsfehler. Gentech-
Pflanzen eliminieren dieses natürliche Warnsignal, die Bewirtschaftungsfehler
aber verschlimmern sich. Das von den Gentech-
Befürwortern immer wieder zitierte Beispiel des Maiszünslers
zeigt diesen Sachverhalt deutlich auf. Die Maiszünsler-
Larven befallen Maisfelder erst dann in grosser Zahl, wenn
die Fruchtfolge auf dem Acker nicht stimmt, wenn über die Jahre
zu oft und zu schnell hintereinander Mais angebaut wird.
Landwirte, die sich in die Abhängigkeit der Agro-Gentechnik
begeben, kommen fast nicht mehr aus dieser heraus. Die
Langzeitfolgen von kombinierter Agrochemie und Gentechnik
sind verheerend, wie Beispiele aus den USA aufzeigen. Der
Durchwuchs Herbizid verträglicher Gentech-Sorten in der Nachfolgekultur
führt zu höheren Dosierungen an Agrochemikalien.
Im Klartext: Nicht weniger, sondern mehr Agrochemikalien
gelangen zum Einsatz. Eine anerkannte Studie beweist dies
anhand statistischer Angaben der amerikanischen Agrarbehörden.
Remi Buchschacher
