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Auf der Suche nach glücklichen Hühnern

Renate Künast

Anschauung vor Ort: Bundesministerin Renate Künast auf Einladung des Schweizer Tierschutzes auf einem Legehennenbetrieb mit Freilandhaltung.

Was die Schweiz seit 1991 verbietet, ist in Deutschland nach wie vor Standard: Die Käfighaltung von Legehennen. Über 90 Prozent der Tiere fristen ihr Dasein eingesperrt in Kleinkäfige. Die grüne Ministerin Renate Künast nimmt sich viel vor, wenn sie dies in ihrem Land und in der EU ändern will.

Beeindruckt sei sie, sie zolle dem Schweizer Modell der Legehennenhaltung grossen Respekt, sagte die Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast, nach dem ersten Augenschein auf dem Legehennenbetrieb der Familie Jung im zürcherischen Oberlangenhard. Offensichtlich fühlte sie sich wohl bei den glücklichen Hühnern in der Schweiz. In Deutschland wird gegenwärtig intensiv um eine ähnlich strenge gesetzliche Regelung gerungen. Hintergrund dafür ist die Absicht der EU, bis 2012 aus Tierschutzgründen die konventionelle Käfighaltung ebenfalls abzuschaffen. Deutschland plant gar einen vorzeitigen Ausstieg.

Schwierigere Umstellungsbedingungen in der EU
Als Bundesministerin für Verbraucherschutz untersteht Renate Künast auch die Agrarpolitik. Sie hat festgelegt, dass herkömmliche Hühnerkäfige ab 2007 nicht mehr zulässig sind. Doch das ist nicht so einfach: In Deutschland werden heute 90 Prozent aller Legehennen in Käfigbatterien gehalten und die Grossproduzenten lassen sich nur ungern davon abbringen. Vor allem im nördlichen Bundesland Niedersachsen ist die Eierproduktion in Käfigen stark verbreitet. Fast zwei Drittel aller in Deutschland verbrauchten Eier kommen von dort. Renate Künast wird vorgeworfen, Arbeitsplätze zu gefährden und die Abwanderung der Käfigbetriebe in andere Länder wie Tschechien und Polen zu provozieren. Doch die grüne Agrarministerin will den deutschen Legehennen bessere Lebensbedingungen verschaffen: «Ich zweifle nicht an der Umsetzung des Verbots. Der Wille dazu ist vorhanden.» Auf dem spezialisierten Betrieb der Familie Jung, wo Renate Künast die Alternative am praktischen Beispiel studierte, werden in vier von der ETH entwickelten Volierenställen je 2 000 Legehennen gehalten. Die Tiere haben Bewegung und Beschäftigung, es steht ein grosser Auslauf mit Grünland zur Verfügung. Ein Wintergarten gehört dazu und Weiden mit Schattenplätzen. Neben Legenestern und Sandbad ist im Stall eine Mindestfläche pro Huhn definiert. Sitzstangen in der Höhe verbessern die Nachtruhe. Im Alter von 18 Wochen werden die Hühner von einem Zuchtbetrieb angeliefert und legen während der Legeperiode von 40 Wochen ihre Eier. Hauptabnehmer der Eier ist der Grossverteiler Coop unter dem Label Naturaplan.
Die Schweiz solle ihre Vorbildhaltung in Sachen Tierwohl unbedingt beibehalten, riet Renate Künast. Eine Arbeitsgruppe ihres Ministeriums erarbeitet gegenwärtig Modelle für die Legehennenhaltung in Deutschland, «die tierschützerisch in Ordnung und zugleich wirtschaftlich sein müssen». Der Preisdruck sei in Deutschland viel höher und die Bereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten, für Eier aus tiergerechter Haltung einen höheren Preis zu bezahlen, geringer. Coop-Sprecher Felix Wehrle ermunterte die Ministerin, nicht auf den Druck von der Konsumentenseite zu warten, sondern selber aktiv zu werden. «Wir haben in der Schweiz vor über zehn Jahren umgestellt und die Konsumentinnen sind uns gefolgt.» Die Ministerin hält die Umstände in der EU und in Deutschland allerdings für weniger günstig. Die Grossverteiler würden sich nur schwer für Tierschutzanliegen gewinnen lassen. Moralisch werde die Käfighaltung in der Bevölkerung zwar abgelehnt, doch darauf folge nicht immer das entsprechende Kaufverhalten.

Tierschutzpolitik auch in der Schweiz ein Zankapfel
Ein indirektes Kompliment der Ministerin: In der Schweiz halten die Konsumenten dem etwas teureren Ei die Treue. Der Anteil verkaufter Inland-Eier ist von 65 Prozent im Jahr 1991 auf heute rund 75 Prozent gestiegen. Der Tierschutz hat diesen Erfolg erstritten. Die Kleinbauern-Vereinigung half mit. Was uns aber stört: Noch immer verwenden Schweizer Lebensmittelhersteller Importeier aus Käfighaltung, oft ohne dies zu deklarieren. Der Besuch und die Komplimente der deutschen Bundesministerin ehren die Schweizer Landwirtschaft. Doch auf Lorbeeren können wir uns nicht ausruhen. Zu viele Eier- und
Fleischproduzenten wehren sich auch bei uns gegen Vorschriften für das Tierwohl. Und die Erhöhung der Tierbestandesgrenzen durch den Bundesrat stellt einen agrarpolitischen und tierschützerischen Rückschritt dar. Darum fordern Schweizer Tierschutz und Kleinbauern-Vereinigung in einer Petition, dass die Landesregierung den Fehlentscheid rasch korrigiert. Weil wir auch in Zukunft ausländischen Ministern tiergerecht gehaltene Tiere zeigen wollen.
Remi Buchschacher

Humorvolle Kämpferin Jeder einzelne Tropfen Wasser zählt