Die Landluft fördert die Zufriedenheit
Die kleinräumigen Strukturen, die zum Teil engen Bekanntschaften und das traditionell starke Heimatgefühl lassen die Menschen in kleinen Gemeinden glücklicher leben, als Städterinnen und Städter. Das sind keine Clichés, die Zufriedenheit ist messbar, wie eine Studie des GfS-Forschungsinstitutes in diesem Sommer aufzeigte: Rund 85 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner leben gerne in ihrem Dorf oder in ihrem Weiler und möchten nicht in die Stadt ziehen – weder in eine grosse noch in eine kleine. Das Institut hat die Studie zusammen mit der ETH Lausanne realisiert und dazu insgesamt 700 Personen befragt. Drei Viertel der Befragten stammen aus der Deutschschweiz und ein Viertel aus der Romandie.
Aufwachsen auf dem Land
Vor allem bei jungen Menschen wirkt sich die Naturnähe positiv auf ihr Lebensgefühl aus und sie möchten die Erfahrungen mit den Tieren und Pflanzen nicht missen. Bauernhöfe haben da sehr viel zu bieten. Langeweile, angebunden sein, mitarbeiten müssen oder andere negative Aspekte scheinen zweitrangig. Das überrascht. Das Landleben wird wohl auch deshalb posi-tiv beurteilt, weil das Erlebnis Stadt den Jugendlichen nicht verschlossen bleibt. Denn Stadt und Land sind in der Schweiz nie weit voneinander entfernt. Allerdings machen städtische Probleme aus diesem Grund auch nicht vor dem Land Halt.
Zu den jungen Menschen vom Land, die ihre Lebenssituation positiv einschätzen, gehören Ilona Meier und Pius Husmann. In den nebenstehenden Portraits erzählen die beiden Jugendlichen, was sie am Landleben auf einem Bauernhof besonders schätzen. Dabei wird deutlich, dass junge Menschen auf dem Land auch in Zukunft auf ein intaktes Landleben hoffen. Es schleicht sich aber die Sorge ein, ob dies auch in Zukunft noch möglich sein wird. Das GfS-Forschungsinstitut hat festgestellt, dass die meisten Jugendlichen in den nächsten Jahren eine Verstädterung der Schweiz voraussehen und den «Lebensraum Schweiz» von morgen eher pessimistisch einschätzen. Eine Ausdehnung der Siedlungen, mehr Strassen, mehr Autostaus – was Realität ist – wünschen die wenigsten. Auch wenn dies mit den eigenen Ansprüchen nach Mobilität und Wohnen auf dem Land nicht immer zusammenpasst. Eine zukunftsgerichtete Gestaltung des Lebensraums verbinden die meisten Jugendlichen mit dem Wunsch nach mehr Rücksicht auf die Natur, weniger Überbauungen und die Förderung des öffentlichen Verkehrs.
Remi Buchschacher

Ilona Meier, 16 Jahre, Heiligenschwendi BE
Ich möchte nirgendwo anders wohnen
Wenn Ilona Meier über die steilen Hänge hinunter in die Ferne blickt, sieht sie ein Panorama, um das zu sehen viele Touristen tagelange Reisen auf sich nehmen: Eiger, Mönch, Jungfrau, Niesen, Stockhorn. Weltbekannte Berge, deren Schönheit die Menschen seit jeher in ihren Bann zieht. Die 16-jährige wohnt in Heiligenschwendi auf 1000 Metern über Meer oberhalb von Thun bei ihren Eltern auf dem Biobetrieb, wo sie mithilft so oft sie kann, wie sie betont. Denn: «Ich gehe in Thun ins Gymnasium und habe dementsprechend viel zu lernen. Da ist es leider nicht immer möglich mitzuarbeiten, obschon ich das gerne tun würde», bedauert sie. Das Leben auf einem Bauernhof mit den vielen Tieren und der Natur gibt ihr viel. Sie liebt es. «Ich könnte mir nicht vorstellen, anderswo zu wohnen. Das Landleben gibt mir sehr viel.
Ich bin halt so aufgewachsen», sagt sie. Der Zusammenhalt der Menschen, der Umgang untereinander und die vielen engen Bekanntschaften geben ihr grossen Halt. Zum Beispiel auch auf der Alp im Diemtigtal, wo sie bisher fünfmal den Sommer verbrachte und beim Herstellen von Bergkäse und Formaggini mithalf. Aber die Gymnasiastin weiss, dass auch andere Zeiten auf sie zukommen. Nach der Matura steht entweder ein Studium der Biologie oder der Agronomie auf dem Programm – und ein solches lässt sich nur in einer Stadt absolvieren. Doch grosse Gedanken darüber macht sie sich noch nicht. Sie geniesst das Landleben in vollen Zügen und schnuppert in der Mittelschule in Thun bereits jetzt ein wenig Stadtluft. Die Verbindung, der Mix zwischen den beiden Welten, gefällt ihr. Aber Ilona ist auch Realistin: Der Druck auf der Landwirtschaft, den ihre Eltern bereits stark zu spüren bekommen, wird eher noch zunehmen. Ob sie als einziges Kind später also einmal den Hof übernehmen kann – auch nur im Nebenverdienst – ist noch nicht klar. Ihr Wunsch wäre es schon – wenn auch in Verbindung mit einer anderen Tätigkeit. Als Ilona klein war, spielte sie oft im Kuhstall. «Kühe sind meine Lieblingstiere. Ich setzte mich bereits als Dreijährige sanft auf ihren Bauch, als sie am Boden lagen, und merkte, dass es ihnen auch gefiel. Das ist ein Gefühl, das ich nie vergessen werde», erinnert sie sich. Neben den zwölf Kühen gibt es auf dem Biobetrieb auch noch sechs Kälber, zehn Schafe, Bienen, Katzen und zwei Esel. Letztere gehören ebenfalls zu Ilonas Favoriten. Sie war es, die sich dafür stark gemacht hat, die beiden anzuschaffen. «Tiere sind für mich sehr wichtig. Ich fühle mich wohl in ihrer Nähe. Ich werde nie ohne Tiere sein können.»
rb

Pius Husmann, 13 Jahre, Steinhuserberg LU
Was würdest du essen ohne uns ?
«Unser Hof liegt auf 830 Metern mit einer Fernsicht rundherum: Wir sehen die Ausläufer des Pilatus, den Schimberg, die Hügel des Napfs, an klaren Tagen sogar den Schwarzwald. Ich bin gern draussen und schaue in die Ferne, es geht mir irgendwie besser an der frischen Luft. Wenn ich zu lange in Häusern bin, bekomme ich Kopfweh.
Auf dem Hof fahre ich am liebsten Traktor. Ich helfe auch beim Chriesen, im Stall beim Misten, beim Melken – was halt so anfällt. Die Hänge hier oben sind zum Teil recht steil, da müssen wir beim Runterrechen anpacken. Wir halten drei Pferde, zwölf Kühe, sechs Rinder, zehn Mutterschweine, zudem Hühner Katzen, Enten, Hasen – und sechs Kälber, die sind im Moment sehr zutraulich und schlecken mich ab, wenn ich in die Nähe komme.
Mein Liebling ist Simba, ein Mischlingshund zwischen Bernhardiner und Appenzeller. Er spürt viel eher als wir, wenn Gewitter aufziehen und hat fürchterliche Angst davor. Ich rede ihm dann jeweils gut zu.
Seit einem Jahr muss ich nach Wolhusen hinunter in die Sek – sieben Kilometer hin und sieben zurück. Zum Glück hab ich vor kurzem eine Spezialbewilligung für den Töff bekommen. Jetzt muss ich am Mittag nicht mehr in der Schule bleiben und kann zu Hause essen.
Mein Lieblingsfach ist Turnen. Vielleicht werde ich einmal Lokführer, das wäre ein schöner Beruf. Es fasziniert mich, Menschen sicher von Ort zu Ort zu bringen. Ich glaub, es würd auch für die Kanti reichen. Ein Nachbar ist Ingenieur Agronom geworden. Architekt wär auch noch was, dann könnt ich Häuser bauen für die Menschen hier. Wenns irgendwie geht, möcht ich auf dem Land bleiben, auch wenn ich einmal Kinder habe. Sie sollen die Möglichkeit haben, so frei aufwachsen zu können wie ich. Bei uns kennt jeder jeden. Letzten Sonntag zum Beispiel hatten wir Chilbi hier oben, da sind alle vom Steinhuserberg zusammengesessen.
Ich geh ganz gern mal in die Stadt. Vor Weihnachten waren wir in Luzern und haben uns die Beleuchtung angeschaut. Einmal hat mich meine Gotte ins Kino mitgenommen – Harry Potter, mein erster Film. Das war toll. Doch der Lärm und der Verkehr in der Stadt sind nicht so meine Sache. Und CD- Läden und ein Jugendhaus haben wir auch hier bei uns in Wolhusen.
Ich denke, es ist auch für die Städter nicht immer einfach, mit diesem Gstürm fertig zu werden. Einen Wunsch aber hätte ich schon: Es wär schön, wenn die Städter uns auf dem Land etwas besser verstehen würden. Ich werde hie und da angezündet, weil ich ein Bauernbub bin. Dann sag ich jeweils: Was würdest du denn essen ohne uns? Du könntest nicht mal Pommes Frites und Hamburger bestellen.»
ps