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Auf zwei Hektaren einen Traum leben

Auf zwei Hektaren einen Traum erleben

Rinderzucht als landwirtschaftlicher Nebenerwerb

Der wirtschaftliche Faktor stand im Hintergrund, als sich Pia und Walter Fassbind für den landwirtschaftlichen Nebenerwerb entschieden. Die Zucht von schottischen Hochlandrindern auf zwei Hektaren Weidefläche mitten in der Stadt Luzern zahlt sich dennoch aus.

Typisch ist an diesem Landwirtschaftbetrieb fast gar nichts: Der Hof an der Diebold-Schilling-Strasse ist eingebettet in ein altehrwürdiges Luzerner Stadtquartier, die zwei Hektaren Weidefläche liegen zu Füssen der historischen Museggmauer mit ihren Türmen und über alledem thront märchenhaft das Château Gütsch. Der Hofstall wird nachts von den zwei Minipigs Heidi und Simon bewohnt. Tagsüber steht er leer, dann tummeln sich die beiden Schweinchen im Freien. Und die Tiere, deren Zuhause der Stall eigentlich wäre, bleiben nicht nur das ganze Jahr über draussen auf der Weide, sondern vervollständigen das ungewöhnliche Bild, das sowohl die vorbei spazierenden Stadtbewohner als auch die zahlreichen Touristen immer wieder in Staunen versetzt: Es sind sechs schottische Hochlandrinder.

Von Rasse begeistert
Walter Fassbind, der den Betrieb zusammen mit seiner Frau Pia bewirtschaftet, gerät ins Schwärmen, wenn es um seine Rinder geht: «Das Aussehen der schottischen Hochlandrinder mit ihren schwungvoll geformten Hörnern und den langen Haaren, aber auch das Wesen dieser Tiere, ihre charakteristische Neugierde und Robustheit ist einzigartig.» Die Rassen-Wahl stand deshalb bereits fest, als das Ehepaar vor rund drei Jahren den Diebold-Schilling-Hof übernahm. Dass die beiden überhaupt in die Landwirtschaft einsteigen würden, war hingegen keinesfalls so klar.

Inserat verhalf zum Schlüsselerlebnis
Walter Fassbind hatte bereits mehrere Jahre erfolgreich als selbständiger Software-Entwickler im Bereich Automatisierungstechnik hinter sich, als der Wunsch nach einem Ausgleich zur kopflastigen Arbeit entstand. «Bits und Bytes bestimmten meinen Job, ich vermisste die Beziehung zu Mensch und Tier», erinnert er sich. Seine Frau war es, die ihn eines Tages auf ein Inserat aufmerksam machte – ein Hinweis auf einen Nebenerwerbslandwirtschafts-Kurs. «Anfangs amüsierten wir uns darüber, mit der Zeit aber begann ich, mir ernsthafte Gedanken über eine Teilnahme zu machen, und schlussendlich meldete ich mich an», erzählt Walter Fassbind. Es sollte ein Schlüsselerlebnis werden. Die einjährige Schulung mit einer breiten Themenpalette – von der Boden-, Pflanzen- und Futterkunde über Tierhaltung bis hin zu Landwirtschaftsarchitektur – begeisterte den Software-Entwickler. So sehr, dass sich daraus nach reiflicher Überlegung der Wunsch nach einem eigenen, kleinen Landwirtschaftsbetrieb entwickelte. Die Suche nach einem passenden Objekt allerdings war kein einfaches Unterfangen. Fassbinds schafften es trotzdem: Gegen nicht weniger als achtzig Mitbewerber behaupteten sie sich und erhielten die Betriebsleitung des Diebold-Schilling-Hofes zugesprochen.

Zahme Tiere als Zuchtziel
Vollkommen ohne Schwierigkeiten verlief der Einstieg in die Rinderzucht jedoch nicht. «Praktiken, die Bauernkinder ganz nebenbei von ihrem Vater vermittelt bekommen, musste ich mir zuerst aneignen», erinnert sich Walter Fassbind. Schon wenn es darum ging, die Tiere von der einen auf die andere Weide zu bewegen, sei einiges an Überlegungen notwendig gewesen. Mittlerweile ist der Betriebsleiter gut organisiert und hat für seine eigene Unbeholfenheit nur noch ein herzhaftes Lachen übrig. Täglich eine Stunde verbringen Fassbinds bei und mit ihren schottischen Hochlandrindern, versorgen sie mit Wasser und Futter, misten aus – eine Arbeit, die auf der Weide genauso wie im Stall erledigt sein will. «Besonders wichtig ist aber, den Tieren genügend Zuwendung entgegenzubringen», betont Walter Fassbind. «Denn unser Hauptziel ist ganz klar die Zucht von zahmen Tieren.» Eine besondere Herausforderung, gilt diese Rasse doch als besonders skeptisch Menschen gegenüber. Eine Tatsache allerdings, die rasch vergessen ist beim Anblick des vertrauten Umgangs zwischen Fassbinds und ihren Rindern. Wie schwer sein Herz jeweils wird, wenn er sich von einem Kalb trennen muss, darüber mag Walter Fassbind gar nicht reden.

Ohne eigene Querfinanzierung gings nicht
Der wirtschaftliche Faktor stand beim Entscheid für den Diebold-Schilling-Hof und die Rinderzucht im Hintergrund. «Die Einnahmen durch den Verkauf von Kälbern decken den Aufwand bei weitem nicht», sagt denn auch Walter Fassbind. Überzeugt von der naturnahen Arbeit, hat er sich zwischenzeitlich zum Umweltingenieur FH ausgebildet und ist in einer 50-Prozent-Anstellung für eine Zuger Gemeinde tätig. Seine Frau kümmert sich während dieser Zeit um den Personal- und Finanzbereich des Kleintheaters Luzern. Zusätzlich amtet Walter Fassbind als Luzerner Turmwart. «Alles in allem verdienen wir heute zwar weniger», rechnet er. «Aber die Lebensqualität, die wir durch das Landleben in der Stadt gewonnen haben, ist von unschätzbarem Wert.»
Menta Scheiwiler

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