Die Wasserqualität ist entscheidend
Die Trockenperiode in diesem Sommer hat es mit aller Deutlichkeit aufgezeigt: Wasser ist auch bei uns im Wasserschloss Europas ein Element, zu dem Sorge getragen werden muss. Wo nicht qualitativ einwandfreies Wasser zur Verfügung steht, entstehen Schäden. Deshalb rückt die Abwasserreinigung immer stärker ins Rampenlicht. In Ferden wird eine unkonventionelle Idee umgesetzt.
Der Boden lechzt nach Wasser. Wer auf den Äckern genau hinsieht, erblickt landauf landab zum Teil
beängstigende Gebilde. Was einmal Maispflanzen, Getreide oder Gemüse waren, reckt sich ausgemergelt und kaum mehr gerade in die Höhe. Die lang andauernde Trockenzeit in diesem Jahr hat ihre Spuren hinterlassen. Wo nicht genügend Wasser hinfloss, entstanden Mangelsituationen.
Das Wasser an sich ist kein Problem für Ferden: Das Dorf am Eingang zum Lötschental verfügt über eigene Quellen und eine sanierte Wasserversorgung, und unten am Dorf fliesst die Lonza in einen kleinen Stausee. Es ist vielmehr das Wasser in seinem verbrauchten Zustand, das Sorge bereitet: Noch gehört Ferden zu den wenigen Schweizer Gemeinden ohne Abwasserreinigung. Betonung auf «noch», denn die Anlage wird ihren Betrieb noch im Jahr des Wassers 2003 aufnehmen.
Engagierter Gemeinderat
Trübgrün blitzt die gestaute Lonza nach einem gewaltigen Sommergewitter zwischen den Bäumen auf. «Ferden am See!», lacht Bernhard Werlen. Der 37-jährige Architekt engagiert sich als Gemeinderat für sein Heimatdorf. Weil Werlen zu Hause arbeitet und zudem vom Fach ist, hat sich sein Zusatzjob als «Troubleshooter vor Ort» von selber ergeben.
Den braucht es auch, denn hier, auf über 1300 Meter Höhe, sind unvermittelte Wetterausschläge im heissen Juli mit Blitz, Donner und fast horizontalem Hagelschlag nicht ohne. Noch während Werlen eine überflutete Baugrube besichtigt, schellt sein Handy mehrfach - die Leute wissen, dass einer im Dorf ist, an den sie sich wenden können.
Lokaler Bauboom
Ja, die Baustellen. Vom Bahnhof Goppenstein (das zu Ferden gehört) bis ins Dorf reiht sich eine an die andere. Mit dem Neat-Stollen und der Galeriesanierung an der Kantonsstrasse hat Ferden direkt nichts zu tun. Die tiefen Gräben aber und die Löcher in der Grasnabe vor dem Dorf, die wie ein zu gross geratenes Vogelbad aussehen, sind Gemeindesache. Die Betonmischer, die ihren grauen Brei zwischen Schalbretter drücken, rumoren für das Projekt «Wurzelraumkläranlage Ferden», kurz WRA. Bernhard Werlen erklärt den Unterschied zur herkömmlichen ARA mit mehreren Becken und Faultürmen: «Bei der WRA erfolgt der biologische Abbau nicht in einem künstlich belüfteten Becken, sondern in einem Teich, der mit Schilf bepflanzt ist. Schilf entwickelt unter Wasser ein dichtes Wurzelgewebe,
in dem eine reiche Vielfalt von Bakterien und Pilzen gedeiht. Gegen unten sind die Schilffelder so abgedichtet, dass kein Schmutzwasser versickern kann.»
Bevor das Abwasser auf die Schilffelder geleitet wird, setzt sich in einem Becken der Schlamm ab. Dieser wird regelmässig in zwei kleinere Schilffelder abgeleitet, wo er liegen bleibt, bis ein grosser Teil wieder zu Erde wird. So muss praktisch kein unbrauchbarer Klärschlamm verbrannt oder sonst entsorgt werden.
Normale ARA zu teuer
Als sich Ferden für die Wurzelraumkläranlage entschied, war Bernhard Werlen noch nicht Gemeinderat. Er versteht die Beweggründe seiner Vorgänger aber sehr gut: «Für eine normale ARA hätten wir keinen Platz gefunden, der das Dorfbild nicht massiv verschandelt hätte. Zudem wären die Betriebskosten - vor allem die Entsorgung des Klärschlamms - eine gewaltige Belastung für unsere Gemeinde geworden.» Auch eine gemeinsame Anlage für das ganze Lötschental wäre wegen der schwierigen Topografie und der Lawinengefahr im Bergtal nicht günstiger gewesen, betont Werlen.
Das Konzept für Wurzelraumklärung vom Abwässern stammt aus Deutschland, wo zahlreiche Anlagen schon lange funktionieren. In der Schweiz sind nebst vielen kleinen Hausanlagen grössere Anlagen in Teuffenthal im Berner Oberland und bei den Rheinsalinen Muttenz in Betrieb, weitere sind geplant oder im Bau.
Hohe Pro-Kopf-Verschuldung
Bleibt die Frage, wie ein Dorf mit knapp 300 Einwohnern so ein Werk finanzieren soll. «Ferden gehört punkto Pro-Kopf-Verschuldung und Steuerfuss zur Spitzengruppe im Wallis. Der Schuldenabbau ist natürlich nicht von einem Tag auf den andern möglich, aber wir sind auf gutem Weg», erläutert Bernhard
Werlen die Ausgangslage. Die WRA kostet alles in allem rund 1,7 Millionen Franken. Eine ARA wäre zwar im Bau billiger, im Betrieb dafür wesentlich teurer - das hätte die Gemeinde langfristig mehr belastet und die finanzielle Sanierung gefährdet. Dieses Argument überzeugte auch die Subventionsgeber bei Kanton und Bund: Nach anfänglichem Zögern leisten sie ihren Beitrag und unterstützen damit den innovativen Geist der Ferdener. Für die Gemeinde Ferden bleiben dennoch an die 600000 Franken - bei einem jährlichen Steuerertrag von gut 3000 Franken pro Kopf beim besten Willen nicht zu verkraften. Immerhin bringt sie aus eigenen Mitteln und aus Anschlussbeiträgen gut 250000 Franken auf.
An die restlichen Kosten will die «Schweizer Patenschaft für Berggemeinden» einen möglichst substanziellen Teil beisteuern. Diese Solidaritätsorganisation prüft und unterstützt sinnvolle Infrastrukturprojekte in Berggemeinden. Im Geschäftsjahr 2002 waren es nicht weniger als 31 Millionen Franken, die den Berggebieten direkt und mit minimalem Verwaltungsaufwand zugeflossen sind.
Sanften Tourismus fördern
«Eine gute Infrastruktur ist die Voraussetzung für all das, was wir aus eigener Kraft unternehmen wollen», betont Bernhard Werlen - zum Beispiel auch für jenen sanften Tourismus, für den er in «seinem» Lötschental eine der Zukunftschancen sieht und zu welchem die Berglandwirtschaft dazu gehört.
Peter Stöckling